Among Us: Der Mensch ist des Menschen Werwölfli

Die besten Spielprinzipien sind oft jene, welche dank ihrer Simplizität schnell erlernt sind und ein scheinbar unwandelbares menschliches Attribut ins Zentrum ihrer Mechanik stellen. Im Falle des gerade in der Schweiz plötzlich äusserst populären Among Us sind es deren gleich zwei: Misstrauen und das schadenfreudige Intrigieren. Dennoch brauchte das im Kern uralte Spielsystem zwei Jahre, bis es im digitalen Raum explodieren konnte.

Du bist Teil einer isolierten Gruppe. Keiner kommt raus oder rein, alle wollen einfach nur überleben — bis auf einer. Der wünscht nur, seiner kühlen, niederträchtigen Mordlust nachzugehen. Also meuchelt er eine Unschuldige nach der anderen in seinem Team nieder, ohne dass es einer merkt, bis niemand mehr steht … oder bis die Gruppe realisiert, wer der Killer ist, und ihn zur Strecke bringt. Schon mal gehört? Kunststück, denn dieses seit Jahrzehnten beliebte Spielprinzip ist Tradition in Ski- oder Sportlagern, auf Schulreisen oder bei der Pfadi. Und dank des urmenschlichen Misstrauens respektive der ebenso tief verankerten diebischen Freude an der Intrige (tu jetzt nicht so, Du kennst das Gefühl auch) lässt sich praktisch jeder dafür begeistern. Da ist es kein Wunder, dass dasselbe Prinzip in videospieltauglicher Form auch irgendwann den Weg ins digitale Zeitalter gefunden hat. Diese moderne Version heisst Among Us, stammt aus den USA und blieb überraschenderweise über zwei Jahre praktisch unentdeckt, bis es seinen verdienten Boom erhielt.

Die Spieleinstellungen lassen sich recht stark anpassen — allerdings nur vor der Runde, wo der Impostor noch nicht bestimmt wurde und alle noch Freunde sind. (itch.io)

Spätzünder

Die Devs von InnerSloth brachten Among Us zunächst im Juni 2018 auf Steam, itch.io sowie iOS und Android heraus. Der vermutlich erhoffte Erfolg stellte sich indes nicht ein, denn gerade einmal 30 bis 50 Spieler waren nach dem Release durchschnittlich gleichzeitig im Spiel. So sollte der Titel also ein Nischendasein fristen, bis plötzlich — wie könnte es anders sein — einige bekanntere Twitch-Streamer im Spätsommer 2020 grossen Gefallen am krude designten Spiel in der «The Henry Stickmin»-Spielekollektion fanden. Und wie schon bei seinen urchigen Vorfahren versuchten plötzlich alle fieberhaft, den «Impostor» («Betrüger») in den eigenen Reihen zu neutralisieren.

Beim cartoonigen Among Us mit minimalistischem Weltraum-Theme geschieht das natürlich über einen Airlock, zumindest auf dem Raumschiff, der wohl bekanntesten der drei Maps. Zuvor definiert das Spiel innerhalb einer Gruppe von Spielern einen bis drei Impostors und teilt ihnen ihren Blutdurst mit, alle anderen sind normale Crewmates. Hat das Spiel begonnen, müssen die Crewmates die ihnen spezifisch zugeteilten, quer übers Schiff verteilen Aufgaben so rasch wie möglich lösen — eine kollektive Progress-Bar zeigt, wie nahe das Team dem Ziel schon ist. Diese Tasks sind sehr witzig aufgebaut: Mal muss man gerissene Kabel neu verbinden, mal einen Benzinkanister neu befüllen und damit verschiedene Maschinen in Gang setzen gehen, sogar Meteoriten wollen abgeschossen werden. Dabei sind die Aufgaben nicht schwierig und benötigen keine Denkarbeit, denn die grauen Zellen sind schon damit beschäftigt, das Verhalten anderer Spieler zu beobachten. Dennoch: Die Maps sind gross genug, um die Crewmates dazu zu zwingen, einander auch mal für eine Weile alleine zu lassen — für den Impostor ein gefundenes Fressen.

Habt Ihr Bock bekommen, selbst mal beim digitalen «Werwölfle» zuzuschauen oder vielleicht sogar mitzuspielen? Strike streamt am kommenden Dienstag, den 22.09., von 13 bis 15 Uhr eine Session und gibt sich grösste Mühe, alle Impostors aufzudecken respektive alle Crewmates zu killen!

Jeder gegen jeden

Kommunikation im Spiel geschieht über Text-Chat, wobei das Team während einer Runde nicht kommunizieren kann. Erst wenn ein Spieler (teils der Impostor selbst) eine Leiche eines anderen Spieles entdeckt und Alarm schlägt, ist die Action pausiert und die Spieler beraten sich. This is where the magic happens und der Charakter jedes Spielers durchschlägt: Manche werfen wild mit Anschuldigungen um sich, andere versuchen kühl logisch zu deduzieren, wer am längsten ausser Sichtweite aller anderen Spieler war oder sich auffällig rasch von der Leiche entfernte, wiederum andere Teammitglieder haben überhaupt keine Ahnung was von sich geht und versuchen nur, ihre Weste glaubhaft weiss zu halten. Mittendrin ist der Impostor, der natürlich einfach nicht auffliegen will. Damit dies nicht geschieht, muss er klug vorgehen und seine Extra-Fähigkeiten ausnutzen. Im Gegensatz zu Crewmates kann er sich nämlich mithilfe von Luftschächten sehr schnell fortbewegen, die Arbeit der Crewmates sabotieren, ihnen den Sauerstoff abschalten oder Türen verschliessen. Und so schmeissen die Crewmitglieder nach einer Todesmeldung oder falls ein Spieler den «Emergency Meeting»-Button drückt einen vermeintlichen Impostor nach dem anderen ins All, bis schlimmstenfalls nur noch zwei Spieler übrig sind — der Meuchelmörder hat gewonnen. Oder aber sie erkennen ihn frühzeitig und entledigen sich seiner.

Wer einen Verdacht oder sonst ein Kommunikationsbedürfnis hat, darf den «Emergency Meeting»-Button in der Caféteria drücken. Dieser Screen avancierte auf Reddit und 9GAG sogar zum Meme. (sehzadelersehri.com)

Intriganz, ein Talent?

Klar ist es wie in jedem Spiel nötig respektive sehr hilfreich, die Map gut zu kennen und die Steuerung verinnerlicht zu haben. Schlussendlich, so behaupte ich, kann man erfolgreiches «Impostoring» in Among Us aber kaum «erlernen». Verschiedene Lebenssituationen mögen einem die Fähigkeit, hinterlistig zu agieren und das überzeugende Unschuldslamm zu geben, antrainieren; ich glaube allerdings, dass jeder das Zeug zum erfolgreichen Impostor hat, einige Menschen allerdings einfach affiner sind. Und ja: Das ist eine nette Art dafür, sie «gefuchst» oder «schlitzohrig» zu nennen.

Der Trick ist es, sein Verhalten im Spiel als Crewmate — sowohl Bewegungspatterns als auch wie man zwischen Actionsequenzen mit den anderen Teilnehmern interagiert, wie oft man spricht, ob man eher ruhig ist oder direkt beschuldigt — möglichst objektiv zu beobachten und als Impostor zu emulieren. Gerade wenn man mit Freunden oder Bekannten spielt, fallen Verhaltensunterschiede nur auf diese Weise weniger auf. Zusätzlich darf man als Meuchelmörder nicht zu gierig sein und jede vermeintliche Chance, einen Crewmate zu killen, sofort ergreifen. Lieber etwas Geduld zeigen und warten, bis sich der Spieler tatsächlich zu weit vom Rest des Teams entfernt hat, zuschlagen und dann einen sehr weiten Weg zurück zu Gruppe gehen, damit es nicht so aussieht, als käme man direkt vom Tatort. Ist dieser bereits in der Nähe der restlichen Gruppe, kann man die Leiche auch selbst reporten und so tun, als hätte man sie nur gefunden … ein guter Impostor findet immer einen Weg.

Ich selbst war leider noch nie der Impostor, bin aber gespannt, wie ich mich als Meuchelmörder schlagen werde. Bis dahin gebe ich mich der Sucht nach Among Us hin und löse als braver, gewissenhafter Crewmate meine Aufgaben. Denn das Wohl meines Teams liegt mir immer am Herzen!

… was soll das heissen, ich sei gerade aus dem Luftschacht gekommen? Das war orange, ich bin gelb! Ich hab’ nix getan! Wirklich! So glaubt mir doch!

mm

Thomas "Strike"

Freelancer / Streamer

Thomas oder «Strike» streamt seit 2016 leidenschaftlich gern auf Twitch und schreibt ebenso gerne, nur schon viel länger. Als erfahrungsmässig und biologisch alter Hase im Gamingbusiness hat er einige Trends — ob langlebig oder nicht — miterlebt und plaudert hier in Form von Hintergrundberichten und Meinungsartikeln aus dem Nähkästchen. Zu finden ist er meistens in Multiplayer-Lobbies von irgendwelchen Online-Shootern. Ansonsten zockt er auch mal das eine oder andere Adventure- oder Storygame. Oder «Die Sims».

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