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Boycott Blizzard: Das führte zum Debakel

In den letzten Tagen überschlagen sich die Ereignisse rund um Entwickler Blizzard. Von China bis zum Boykott:  Das ist passiert.

„Habt ihr denn kein Handy?“

Blizzard wird in der Gamer-Community spätestens seit der letzten Blizzcon mit einem kritischen Auge betrachtet. Nach jahrelangem Warten, freuten sich Diablo-Fans auf einen neuen Ableger ihres Lieblingsspiels. An der Blizzcon 2018 präsentierte der Entwickler dann das neuste Werk, „Diablo Immortals“. Im Gegensatz zu den bisherigen Ausgaben des schnellen Action-RPG’s gab es jedoch eine grosse Änderung, denn Diablo Immortals sei ein waschechtes Mobile-Spiel, das keinen PC-Ableger erhalten soll. Experten waren sich daraufhin einig: Blizzard will damit den grossen, lukrativen Mobile-Markt in China bedienen. Die westlichen Fans waren nicht erfreut. Öl ins Feuer goss daraufhin auch noch Entwickler Wyatt Cheng, der die Besucher locker fragte, ob sie denn keine Handys hätten.

Blizzard verliert dauernd Spieler

Hardcore-Spieler und Fans waren sich einig: „Wir sind nicht mehr die Zielgruppe, sondern China.“ 2019 wurde es für Blizzard auch nicht leichter, sich die Gunst der Spieler wieder zurückzugewinnen. Die aktuelle WoW-Erweiterung stosst immer wieder auf Kritik, Overwatch dümpelt vor sich hin, ohne grosse Änderungen, Heroes of the Storm wurde abgeschrieben, Starcraft sowieso und Hearthstone verliert an Popularität, nicht zuletzt aufgrund des erneuten aufbäumen des Kartenspiel-Urvaters Magic: the Gathering. Hearthstone sollte es auch sein, das zur nächsten grossen Kontroverse führt, in der wir uns momentan befinden.

Weltpolitik als Pulverfass

In Hongkong wüten zurzeit starke Proteste gegen die chinesische Regierung, die versucht die Sonderverwaltungszone zu übernehmen. Historisch bedingt unterscheidet sich Hongkong stark von der Volksrepublik. Junge Einwohner wehren sich deshalb gegen das Vorgehen – was teilweise zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt.

Inmitten der Unruhen geht das „normale Leben“ jedoch weiter, so wurde auch ein Hearthstone Grandmaster-Turnier durchgeführt, bei dem der eSport-Athlet Chung „Blitzchung“ Ng Wai mitspielte, seines Zeichens Bewohner von Hongkong. Seine Aufmachung während des Streams zeigte schon, dass Blitzchung mit den Protesten solidarisierte: Er trug Skibrille und Gasmaske, wie sie aus Schutz gegen Tränengas während den Protesten getragen werden.

Hearthstone-Spieler sorgt für Tumult

Während eines Siegerinterviews kam es dann zum Eklat. Die Caster des Events forderten Blitzchung auf, er solle doch die Worte im Stream sagen. Damit meinten sie „Liberate Hong Kong, the revolution of our time“, das Motto der Proteste.

Daraufhin reagierte Blizzard mit aller Härte. Laut den Turnierregeln, denen die Spieler im Vorfeld zugestimmt haben, ist es nicht erlaubt im Stream politische Statements abzugeben, oder solche „die dem Ansehen des Unternehmens schaden könnten“. Strafe: Das Preisgeld wird gestrichen. Damit war jedoch nicht genug. Der Entwickler entzog Blitzchung jegliches Preisgeld, das er in diesem Jahr gewonnen hatte und sperrte ihn für ein Jahr als Hearthstone-eSportler. Das kam in der Community nicht gut an.

Solidaritätswelle aus dem Westen

Das politisch stark geladene Thema sorgte schnell auch in unseren Breitengraden für grosses Aufsehen und starke Reaktionen. Innert Stunden stellten sich viele gegen den Blizzard-Entscheid. Blizzard wird vorgeworfen, dass die harte Reaktion dem Umstand geschuldet sei, dass man sich die Geschäfte mit China nicht verderben will.

Während eines Hearthstone College-Turniers halten Spieler der American University ein Schild in die Kamera mit der Aufschrift „Free Hong Kong, Boycott Blizzard“.

american university hearthstone college esports

Bild: Blizzard

Auch Blizzard-Mitarbeiter protestieren

Dem Aufruf folgen viele. Unmengen an Spielern und Fans kündigen nach dem Vorfall ihr WoW-Abonnement, deinstallieren den Blizzard-Launcher oder wollen ihr Blizzard-Konto gleich ganz löschen. Auch aus den eigenen Reihen gibt es muss der Entwickler Widerstand gegen den Entscheid verzeichnen. Vor dem Hauptgebäude in Irvine befindet sich eine Statue des Orcs Thrall, um ihn herum Platten mit den Leitsätzen des Unternehmens. Diese wurden über Nacht von Mitarbeitern abgedeckt.


Die Fangemeinde protestiert auf allen Kanälen – Facebook, Twitter und Reddit. Das Blizzard-Subreddit wurde für ein paar Stunden privatisiert und viele der Moderatoren in spezifischen Subreddits der Blizzard-Spiele geben ihren Posten aus Protest auf.

Wenn Account löschen nicht mehr möglich ist

Inmitten des Trubels versuchen Spieler weiterhin ihre Konten zu löschen, können sie jedoch nicht. Entweder einer Überlastung des Systems zuzuordnen oder gezielte Versuche des Entwickler das Debakel und den Boykott einzudämmen – Blizzard schweigt zu den Vorfällen. User berichten davon, dass Identifikationswege wie SMS oder E-Mail nicht mehr funktionieren, um den Löschungs-Vorgang abzuschliessen.


Inzwischen berichten einige Twitter-User davon, dass ihrem Antrag Folge geleistet wurde. Eine Systemüberlastung ist dementsprechend nicht auszuschliessen. Das zeigt wiederum auch auf, wie gross die laufende Solidaritäts- und Boykottwelle tatsächlich ist.

Mei als Protest-Maskottchen

Aber es geht noch weiter: Ein Versuch wurde gestartet, Blizzard künftig die Geschäfte in China zu vereiteln. Dazu wurde der Overwatch-Charakter „Mei“ als Maskottchen der Hongkong-Proteste ausgerufen.


Ziel der Aktion sei es, dass Mei in den Augen der Volksrepublik China mit der Protest-Bewegung in Verbindung gebracht wird. China ist bekannt dafür, dass Medien, die sich gegen das Land aussprechen zensiert werden. So wollen die Unterstützer erreichen, dass Overwatch aus China verbannt wird und Blizzard daraufhin grosse Einbussen verzeichnen müsste. Ob dieser Plan aufgehen wird, wird die Zukunft zeigen.

Die Protest- und Solidaritätswelle ist immer noch im vollen Gang. Ehemalige Fans und Spieler hoffen, dass sie mindestens noch bis zur Blizzcon Anfangs November anhält. Vor Ort sollen weitere Aktionen geplant sein, um dem Unmut Luft zu machen.

Nathan Leuenberger

Projektleiter

Schon mit dem ersten Gameboy, den er von seinem Vater "auslieh", begann Nathans Faszination für die Welt der Polygone, Bits und Pixel. Noch heute sind Games seine grösste Leidenschaft und haben mit der Entwicklung im Bereich eSports eine völlig neue Bedeutung bekommen.

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