Brime, Trovo und Co.: Wo bleiben die Twitch-Konkurrenten?

Wer an Gaming- oder Unterhaltungs-Livestreams denkt, kommt um den Namen «Twitch» nicht herum. Dennoch schienen um 2020 Startups, welche dem violetten Platzhirsch Paroli bieten wollen, aus dem Boden zu spriessen. Doch wo sind sie heute?

Der 2014 von Amazon aufgekaufte Streaming-Service «Twitch» ist seit Jahren fast synonym mit Echtzeit-Livestreams — wer an Livestreaming denkt, denkt an den violetten Riesen. Die Plattform, welche sich lange Zeit als reines Gaming-Content-Outlet positionierte und von einigen Puristen auch heute noch als solches angesehen wird, ist der Konkurrenz meilenweit voraus und nahm 2020 über 70% aller geschauten Livestream-Stunden ein. Selbst YouTube und Facebook, welche ebenfalls Echtzeit-Content liefern, kommen überhaupt nicht nach. Rod «Slasher» Breslau, ein bekannter Esports-Consultant, nimmt zwar an, dass die Generation Z kein Problem damit hat, mehrere verschiedene Livestreaming-Plattformen parallel zu nutzen. Dennoch resümiert er: «Twitch hat [gegenüber der Konkurrenz] einen so überwältigenden Vorsprung, dass niemand in naher Zukunft fähig sein wird, sie einzuholen».

Mit der noch nicht lange zurückliegenden Verschiebung von inhaltlichen Schwerpunkten des Contents auf Twitch, weg von reinem Gaming, kommen auch neue, sagen wir mal, «Arten» von Publikum dazu. Zusätzlich wurden aufgrund dieser Entwicklung und der sich aus ihr ergebenden Öffnung der Plattform über die letzten zwei bis drei Jahre immer neue Stimmen laut, die mit Twitch ziemlich unzufrieden waren und sind. Hauptsächlich lag das Problem bei der Um- und Durchsetzung der «TOS» («Terms of Service» oder «Nutzungsbedingungen») durch die Plattform selbst, gepaart mit strategischen Entscheidungen, welche bei der breiten User-Basis Kopfschütteln auslösten sowie mit sich häufenden kommunikationstechnischen Faux-Pas. Aktuell steht Twitch in der Kritik, seine eigenen Regeln nicht fair anzuwenden und Streamer für eigentlich TOS-brechenden Content nicht zu bannen, wenn sie eine gewisse Grösse (und damit ein entsprechendes Einkommen für Twitch selbst) aufweisen. Stichwort: Hot Tubs. Für ambitionierte Davids, die das Ende des Goliath nahe wähnen, ist dies der ideale Zeitpunkt, um selbst aktiv zu werden.

Um 2020 herum schienen nach und nach mehrere Startups aus dem Boden zu schiessen, welche sich des Problems annehmen und eine eigene, «fairere» Streamingplattform aufbauen wollten. Man setzte schon früh auf die Macht der Crowd, schoss auf Social Media gegen Twitch und versprach die Erlösung für alle, welche Streaming lieben, jedoch Twitch nicht (mehr) ausstehen können. Die bekanntesten neuen Hoffnungsträger werden im Folgenden kurz porträtiert.

Brime

Brimes Marketing lässt zu wünschen übrig. (gaming-grounds.de)

Als er sich mit ein paar Homies eigentlich über die neue, auf Twitter etwas Momentum aufbauende Streamingplattform «Brime» (welche zu dem Zeitpunkt faktisch noch nicht aufgebaut war) lustig machte — «it’s Brime Time!» — kreierte «TimTheTatman» den neuen Slogan des Projektes. Lange hielten sich die Macher zurück und gestalteten ihre Kommunikation mysteriös, profitierten sie doch vom Gerücht, dass DrDisrespect nach seinem Aus bei Twitch zu Brime wechseln würde.

Irgendwann verlief Brimes Popularität aber im Sand, denn die Macher hielten praktisch nichts auf ihrer publizierten Roadmap ein und veröffentlichten peinlich schlecht programmierte Anmeldeseiten, beantworteten keine kritischen Fragen, verkackten ihre gross angekündigten Stresstests und lieferten dann leere Entschuldigungen, machten sich mit einem «Developer-Livestream» zur Lachnummer und wurden in mehreren YouTube-Analysen vollends zur Schnecke gemacht. Mittlerweile hört man von Brime nicht mehr viel, allerdings haben sie 3700 Early Registrations zugelassen und arbeiten offenbar immer noch an ihrer Technologie. Mal schauen, ob da noch was kommt

Altair

Wird Altair.TV der modulare, offene «antikapitalistische» Konkurrent von Twitch? (medium.com)

Altair verspricht mehr Professionalität als Brime, denn der Gründer Bryan Veloso arbeitete früher selbst bei Twitch sowie auch bei Github und Facebook. So gibt er an, dass «kapitalistische Umgebungen» die wahre Kreativität von Livestream-Künstlern hemmen würden und diese besser geschützt werden müssten. Zusätzlich ist Veloso sehr offen, was die Ziele der Plattform angeht: «Wir wollen Twitch nicht schlagen sondern eine Alternative zu ihnen anbieten […] Wir haben auch keine Exit-Strategy: Es gibt keine Verkäufe, Mergers oder Akquisitionen.» So sollen die Streamer fast 100 Prozent der erzielten Einkünfte erhalten und selbst monatlich entscheiden können, welche Features sie möchten und welche nicht — und entsprechend bezahlen. Klingt auf jeden Fall spannend.

Trovo

Ein stetig wechselndes Partnerschaftsprogramm und das Anlocken grosser Streamer mit riesigen Payouts: Trovo, die undurchsichtige Plattform aus China. (spielsucht24.de)

Trovo gehört dem Unterhaltungsriesen Tencent aus China (Epic Games, Riot Games) und machte vor allem mit seinem «Trovo 500»-Programm als Konkurrenz zum Partner-Programm von Twitch von sich reden. Dieses teilt Streamer je nach Watch Hours in fünf Ränge auf und verspricht ihnen ziemlich heftige Payouts. So konnte die Plattform zeitweise auch grössere Streamer anziehen.

Trovo operiert mit eigenen Währungen, welche «Elixir» oder «Gems» heissen. Oft wurde gegenüber der neuen Plattform auch Skepsis laut, was hauptsächlich an der genannten sehr aggressiven «Marketingmasche» und der undurchsichtigen Besitzerschaft aus der östlichen Grossmacht liegt. Aktuell scheint Trovo noch ein relativ irrelevantes Nischendasein zu fristen, obwohl auch grössere Esports-Promotionen wie ESL Mobile schon regelmässig Streams auf der Webseite anbieten. Es wird sich zeigen, ob Trovo mehr kann, als nur mit Geld um sich werfen.

Glimesh

«Wir leben Offenheit und Fairness»: Glimesh gibt sich sozial. (glim.shop)

Auch das nagelneue «Glimesh» schreibt sich «Community first» auf die Fahne und möchte von der Unzufriedenheit mit Twitch profitieren. Die Betreiber fragen oft auf Twitter nach, welche Features sich die Community wünscht, erreichen aber noch kein wahnsinnig grosses Publikum. Allerdings anerkennt Glimesh, dass «for the people» niemanden mehr packt und erklärt seine Absicht, als einzige neue Twitch-Alternative diese Mentalität dank Open-Source-Technologie, transparent publizierten Management-Meetings, Partnerschaftsverträgen ohne jegliche Exklusivität, Freiheit von Monetarisierungseinschränkungen und weitere ähnliche Punkte auch zu leben. Zusätzlich verspricht Glimesh Streams ohne jegliche Latenzen. Das war für mich allerdings schwierig zu testen, da zum Verfassungszeitpunkt dieses Artikels gerade mal etwa 30 Kanäle live waren und kaum Chatinteraktion bestand. Dennoch scheint Glimesh Potenzial zu haben, auch wenn die Webseite etwas altbacken aussieht.

Egal, was die Zukunft für diese Plattformen bringt: Twitch wird noch länger der Live-Streaming-König bleiben. Facebook Gaming und YouTube Live überflügeln Twitch zumindest in einer wichtigen Metrik haushoch: «Hours watched per hour streamed», also wie viele Stunden Watchtime jede Stunde Content generiert hat. Hattet Ihr beispielsweise eine ganze Stunde lang 10 Viewer, so beträgt Eure HWPHS-Zahl 10. Auf dieser Ebene sind YouTube und Facebook knapp vier- bis fünfmal so stark wie Twitch. Es wird sich also zeigen, wer in den nächsten Jahren den Thron übernimmt, denn schlussendlich ziehen die Viewer dorthin, wo ihre Lieblingsstreamer sind — und die wiederum streamen dort, wo sie am meisten Watchtime kriegen.

Kennt Ihr noch Plattformen, die wir nicht beleuchtet haben? Ab in die Kommentare!

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Thomas "Strike"

Freelancer / Streamer

Thomas oder «Strike» streamt seit 2016 leidenschaftlich gern auf Twitch und schreibt ebenso gerne, nur schon viel länger. Als erfahrungsmässig und biologisch alter Hase im Gamingbusiness hat er einige Trends — ob langlebig oder nicht — miterlebt und plaudert hier in Form von Hintergrundberichten und Meinungsartikeln aus dem Nähkästchen. Zu finden ist er meistens in Multiplayer-Lobbies von irgendwelchen Online-Shootern. Ansonsten zockt er auch mal das eine oder andere Adventure- oder Storygame. Oder «Die Sims».

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