Call of Duty Black Ops Cold War

Call of Duty: Black Ops Cold War: «Are we the baddies?»

Die Pflicht ruft, und diesmal heizen wir den Kalten Krieg auf: In Call of Duty: Black Ops Cold War ballern wir uns durch die Welt der Sechziger bis Achtziger und müssen uns entscheiden, welche Seite nun die «schlechte» ist. Und macht der Multiplayer nach 17 Call-of-Duty-Titeln überhaupt noch Spass?

Ich fand den Begriff des «Kalten Kriegs» immer seltsam. Klar, wir nennen ihn «kalt», weil die beiden Supermächte USA und UdSSR nie direkte militärische Konfrontationen austrugen. Dennoch führten verschiedenste Stellvertreterkriege, beispielsweise jene in Afghanistan und Vietnam, zu intensiven Kampfhandlungen und Millionen Toten. In diesen «Proxy Wars» wurde dann der eigentliche Kernkonflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus ausgetragen, wobei die USA und die UdSSR die entsprechend liberalen, respektive kommunistischen, Strömungen in diesen Ländern militärisch unterstützten. Dieser Konflikt begann bereits 1945, als die USA, sowie die UdSSR als die gemeinsamen, aber nicht alliierten Gewinner des zweiten Weltkriegs feststanden.

Von da an sollten beide einen Anspruch darauf erheben, die Leitkultur und -staatsform der «idealen Welt» zu sein. Dennoch: Der Begriff «Kalter Krieg» erinnert eher an zwei Kinder, die einander nur durch böse Blicke und kalte Schultern nerven wollen, sich aber nicht körperlich wehtun. Tatsächlich haben diese beiden Blagen aber eher versucht, andere Kinder zu indoktrinieren sowie ihnen Wasserballons und Süssigkeiten zu geben, ohne zuzugeben, dass sie ihre Freunde eigentlich nur für einen persönlichen Streit opfern wollen. Direkt wollten sie einander aber nicht angreifen. Okay, ja, zugegeben, ein komischer Vergleich. Aber seien wir ehrlich: «Kalt» war an diesem Krieg, der fast zum dritten Weltkrieg eskalierte, gar nichts.

Jedenfalls bietet diese Zeitperiode in der (un-)menschlichen Geschichte wahnsinnig viel Material für Unmengen an Spionage- und Verschwörungsgeschichten. Und genau hier knüpft Call of Duty: Black Ops Cold War an — zumindest der Story-Mode.

Ein eingeschworenes Team internationaler Agenten versucht, den roten Ivan aufzuhalten — oder doch nicht? Jedenfalls enthält das Spiel leichte RPG-Elemente. (windowscentral.com)

Wer sind jetzt die Bösen?

Kompliziert ist der Plot, der zu einem Teil auf realen Geschehnissen beruht, nicht — Achtung, Spoiler: Auf Befehl des amerikanischen Präsidenten Reagan hin macht sich eine kleine Gruppe hochpotenter Agenten aus der ganzen Welt, darunter der/die vom Spieler gesteuerte «Bell», in den frühen Achtzigern auf, den berüchtigten Sowjet-Spion «Perseus» zu finden. Im Zuge dessen finden sie in allen grösseren Städten Europas versteckte Wasserstoffbomben, welche von der US-Regierung dort versteckt wurden und den Sowjets im Falle einer Invasion im Sinne der «scorched earth»-Taktik jegliche Möglichkeit zur konstruktiven Nutzung europäischer Ressourcen verunmöglichen soll (wtf, USA??). Von da jagen sie Perseus durch verschiedene Konfliktschauplätze der Welt und ballern sich durch Horden von Gegnern, frei nach dem Text auf dem Cover des Spiels Soldier of Fortune: «Triff interessante Menschen aus der ganzen Welt und erledige sie». Dann ermöglicht ein Plot Twist dem Spieler eine Entscheidung, welche den weiteren Verlauf des ganzen Spiels verändert und die Hauptfigur entweder auf die westliche oder die östliche Seite des Kriegs stellt. All das wird untermalt von typischem Buddy-Banter, lockeren Sprüchen und viel Zynismus, wie es für Kriegsfilme aus den 80ern und 90ern typisch ist. Mit der Story von «Operation Greenlight» und den versteckten Nuklearwaffen geben die Macher von Treyarch und Raven dem Spiel einen für die Serie mittlerweile nicht mehr neuen «… are we the baddies?»-Moment, welcher den Spieler zum Nachdenken anregen und ihm das Gefühl von echter Entscheidungsmacht geben soll. Etwas ironisch ist das übrigens schon, denn wie man liest, haben sich die beiden Entwicklerteams beim Aufbau des Spiels mächtig in die Haare gekriegt.

Habt Ihr Bock bekommen, sowohl den bombastischen Kampagnen-Modus als auch ein paar saubere Killstreaks im Multiplayer zu erleben? Strike streamt am kommenden Dienstag, den 24. November, von 13 bis 15 Uhr beide Modes — ihr dürft auf schöne Kills hoffen, solltet Euch aber auch auf ein paar fiese Fails einstellen!

Um der Kampagne mehr Tiefe zu verleihen, spendierten ihr die Entwickler das System der «Beweismittel». In den Hauptmissionen lassen sich mal besser, mal schlechter versteckte Dokumente und Fotos finden, welche zwischen den Einsätzen — stilecht an einer grossen Pinwand befestigt — analysiert, näher betrachtet und frei gedreht werden können. Die so gewonnenen zusätzlichen Informationen führen zur Freischaltung von Nebenmissionen oder sind nötig, um diese erfolgreich abzuschliessen. Dies ist beispielsweise in der Mission «Operation Red Circus» unumgänglich, um die korrekten Spione ausfindig und sukzessive kalt machen zu können. Wer die Beweise falsch interpretiert, tötet Unschuldige. Zusätzlich gibt man «Bell» einen Namen, ein Geschlecht («non-binär» ist eine Auswahlmöglichkeit — sehr schön!) sowie eine Herkunft und darf zwei Charaktereigenschaften des eigenen Avatars festlegen. Diese bestimmen denn auch zwei Kern-Perks für den Multiplayer-Modus; zu diesem kommen wir später.

Und so kämpft man sich durch episch aufgebaute, grafisch, akustisch und atmosphärisch sehr stimmige und packende Kämpfe am Boden, zu Wasser und in der Luft, bis man die Welt einem von mehreren möglichen Schicksalen zuführt. Auch wenn die Story grundsätzlich spannend klingt, muss ich zugeben, dass ich — wie bei praktisch allen COD-Titeln — irgendwann nur noch auf die Effekte und die Atmosphäre geschaut habe und nur bei Wendepunkten wirklich aktiv dabei war. Trotzdem macht die Singleplayer-Kampagne dank ihrer etwas übertriebenen Michael-Bay-Dramatik und den oft bombastischen Missionen mit schnellem Gameplay und packender Musik Laune.

Egal ob Vietnam, Ostberlin, Sowjetunion oder China: In Cold War ballert man sich durch die ganze Welt. Alle Maps sin, was die Atmosphäre angeht, recht stimmig — nur die Soldatensprache ist ab und an etwas cringe. (pcgamesn.com)

Never change a running system — oder?

Aber seien wir mal ganz ehrlich: COD-Kampagnen sind spassig, doch eigentlich wollen wir alle nur in die Multiplayer-Modi eintauchen. Das wussten wohl auch Raven und Treyarch und schickten sich an, mit Black Ops: Cold War eine solide, COD-Fans auf allen Ebenen abholende Multiplayer-Erfahrung auf den Tisch zu legen.

Gemäss Dan Bunting, Co-Studio Head bei Treyarch, stehen hier Gunplay und Bewegungsbalance im Zentrum, welche über eine längere Zeit hinweg zwischen der Alpha- und der Beta-Version konstant ausgefeilt wurden. Für Kritik sorgte die Änderung am «Scorestreak»-System, also jenem, welches einem nach mehreren Abschüssen Extra-Fähigkeiten wie Artillerieangriffe gab. Nun erhält man diese auch, wenn man zwischendrin selbst gestorben ist. Gerade bei COD-Veteranen kam dies überhaupt nicht gut an, ersetzt das System doch die allseits bekannten Killstreaks, welche möglichst viele Abschüsse pro Leben mit Zusatzfähigkeiten belohnten.

Bunting sieht das als logische Evolution, als Versuch, verschiedene COD-Unter-Serien zusammenzuführen — tatsächlich aber fühlt es sich als Nicht-Hardcore-Fan so an, als ob die Macher für jedes Spiel halt ein anderes System wählen. Ob dies nun ein aktiver Versuch ist, die Spiele frisch zu halten, wie es Bunting behauptet, oder eher problematische Balancierungsschwierigkeiten aufdeckt: Allen Spielern wird man es wohl nie recht machen können. Dafür haben diese extrem viele Möglichkeiten, ihren Charakter, dessen Perks sowie Waffen zu personalisieren: Nicht nur dürfen sie das klassische «Pick-10»-System verwenden, welches ihnen zehn Punkte für Waffen, Ausrüstung und Extra-Perks gibt, sondern auch auf die Möglichkeiten des «Loadouts» zurückgreifen und so ihre Multiplayer-Erfahrung sehr stark individualisieren.

Für mich fühlt sich COD im Kern noch immer gleich an wie vor zehn Jahren: Das Multiplayer-Gameplay ist sehr arcade-y, was bedeutet, dass sich Bewegungsabläufe nicht sonderlich realistisch anfühlen, Gunplay fast ohne Rückschlag oder Spraying auskommt (sorry, ich bin mir anderes gewohnt) und Gegner ziemliche Bulletsponges sind.  Bei Letzterem muss ich allerdings zugeben, dass ich eine klare Verbesserung gegenüber alten Titeln der Serie erkenne.

Und dennoch bleibt das gleiche zentrale Gefühl wie damals bei Modern Warfare oder Black Ops 2: Die Spiele machen richtig Spass. Auch wer sich nicht lange mit dem Studium von Waffenhandhabung, Maps und Taktiken abgeben will, kann ein Match betreten und — einigermassen schnelle Reaktionszeit und mehr oder weniger präzises Flicking vorausgesetzt — etwas reissen. Ich weiss nicht, ob es einfach Anfängerglück war, aber in meinen ersten Runden Team Deathmatch hab’ ich ein paar schöne Sniper-Kills hingelegt.

Ein wahres Spasspaket

Doch nicht nur in Team Deathmatch kann man seinen Skill beweisen. Cold War bietet gleich neun weitere, teils altbekannte Modi. «Domination» beispielsweise ist eine längen- und punktebasierte Variante von «Capture and Hold», bei «Kill Confirmed» muss man nach einem Abschuss erst das fallen gelassene Dog Tag des Gegners holen um wirklich einen Kill zu kriegen (oder dasjenige eines abgeschossenen Freundes vor dem Gegner schnappen). «VIP Escort» wiederum erinnert mich an das altehrwürdige Counter-Strike, wo ein Spieler als VIP besonders geschützt respektive gejagt werden muss. Alle Modi fühlen sich für mich persönlich gut balanciert an und sind kurzweilig. Insofern kriegt man mit Cold War ein mächtiges Unterhaltungspaket: Hat man die eher kurze Kampagne durch, wird es einem mit den Multiplayer-Modi wohl kaum je langweilig. Und wen es dennoch nach mehr dürstet, dem stehen noch immer der bereits bekannte Warzone-Modus für Battle-Royale-Fans sowie der mich weniger ansprechende, für ein paar Runden aber dennoch spassige Zombie-Mode zur Verfügung. Dieser scheint ein absolutes eSports-Phänomen zu sein: Ganze Weltmeisterschaften werden darüber ausgetragen, wer mehr Wellen blutdurstiger Untoter abhalten kann. Bis vor ein paar Jahren wusste ich das gar nicht — Gaming ist eben schon eine geile Welt, oder?

Fazit: Mehr, aber nicht zu viel des Guten

Ich habe nun ein paar Stunden Cold War hinter mir und muss als Battlefield-Fan sagen, dass es halt wieder ein waschechtes Call of Duty ist. Bevor die COD-Cracks mir jetzt herunterfallende Ärmel beim Händewaschen wünschen: Ich meine das überhaupt nicht negativ. COD ist für mich eine eigene Welt, ein dynamischer, auf Geschwindigkeit ausgelegter Shooter, deren Hersteller viel Ideenreichtum und Leidenschaft beweisen — und das ständig aufs Neue.

COD-Titel haben mich kaum je längerfristig gepackt, boten aber immer grossartige Unterhaltung und zumindest kurz- bis mittelfristig ein Gefühl von «ich möchte jetzt meinen Skill verbessern». Ihr sehr actionorientiertes und dafür weniger realistisches Spielgefühl spricht ein grosses und diverses Publikum an — man findet fast immer irgendeine*n Bekannte*n, der/die Bock auf eine Runde Cawadooty hat. Cold War besinnt sich auf die Kernqualitäten der Serie und macht vieles richtig. Wer über Klischee-Bad-Boy-Geheimagenten und etwas überrissene Storylines hinwegkommt, holt sich mit diesem Spiel das vielleicht «rundeste» COD der letzten zehn Jahre.

mm

Thomas "Strike"

Freelancer / Streamer

Thomas oder «Strike» streamt seit 2016 leidenschaftlich gern auf Twitch und schreibt ebenso gerne, nur schon viel länger. Als erfahrungsmässig und biologisch alter Hase im Gamingbusiness hat er einige Trends — ob langlebig oder nicht — miterlebt und plaudert hier in Form von Hintergrundberichten und Meinungsartikeln aus dem Nähkästchen. Zu finden ist er meistens in Multiplayer-Lobbies von irgendwelchen Online-Shootern. Ansonsten zockt er auch mal das eine oder andere Adventure- oder Storygame. Oder «Die Sims».

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