Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Cheater! … Oder?

An der Kanti konnte ich es jeweils nicht erwarten, nach Hause zu gehen. Besonders vor der Mittagspause. Nicht wegen dem Essen, sondern wegen der halben Stunde, die ich über den Mittag in Elder Scroll’s «Morrowind» oder auf der Map «de_dust» in «Counterstrike: Source» verbringen konnte. Am Abend dann dasselbe. Erfahrungspunkt um Erfahrungspunkt, Kill um Kill holte ich mir diejenigen Erfolgserlebnisse, die ich bei Pythagoras und den sieben Formeln nicht bekam. Leider sanken meine schulischen Skills umgekehrt proportional zu den virtuellen. Ich konnte den Endboss «Matura» dann doch besiegen, aber ein bisschen süchtig war ich schon.

In den letzten Tagen wurde bekannt, dass der indische eSportler Nikhil Kumawat für fünf Jahre von allen eSports-Aktivitäten gesperrt wurde. Er hatte bei einem CS:GO-Turnier in Shanghai einen Aimbot benutzt (ein Programm, das dem Spieler oder der Spielerin in Ego-Shootern als Zielhilfe dient). Als der Referee seinen PC untersuchten wollte, versuchte Kumawat, den Bot zu löschen. Der indische Spieler war bereits zuvor gesperrt worden, hatte aus seinen Fehlern also nichts gelernt.

Auf Twitter und anderen Kanälen hagelte es Kritik. Er solle lebenslang gesperrt werden, solche Aktionen seien typisch für indische Esportler etc. Mir tut Nikhil Kumawat leid. Natürlich ist die Sperre gerechtfertigt und sein Verhalten inakzeptabel. Aber seine Äusserungen nach dem Fall deuten auf ein tieferliegendes Problem. Kumawat sagte in einem Interview: «I would probably delete the day, when I first played Counterstrike. Nothing good has happened to me since the day I started playing this game. I gave everything away for the game, I always put this game above everything else and today I realize what I have lost.» Es ist immer schwierig, solche Aussagen zu bewerten. Aber falls er sie ernst meint, dann ist und war Kumawat offensichtlich süchtig nach Counterstrike: Global Offensive und nach den Gefühlen, die ihm dieses Spiel gab. Und seine Sucht brachte ihn schliesslich dazu, sein Team, sich selbst und den eSport zu betrügen.

Shitstorms sind in solchen Betrugsfällen die erste Reaktion der eSports-Szene. Empathie ist nicht vorhanden. Fussball oder Schach machen nicht so schnell süchtig, weil Erfolgserlebnisse dort mühsam und über Jahre hinweg erkämpft werden müssen. Videospiele hingegen schon: Viele sind so konzipiert, dass sie innerhalb von einigen Klicks Glücksgefühle bescheren. Mit vorteilbringenden Lootboxen und Pay-2-Win geht das noch einfacher und schneller. Videospielsucht ist eines der grossen Tabuthemen in der eSports-Community. «Forsaken» war Nikhil Kumawats Gamertag. Er bedeutet «Der Verlassene» oder «Der Einsame». Wollte er damit um Hilfe rufen?

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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