Flashpoint – Ein Drama in drei Akten

Rematch, Kompensation, ein Aufruhr. Jeder CS:GO Fan dürfte mitbekommen haben, dass die Pro-Szene durch eine Entscheidung von Flashpoint ein kleines Erdbeben erlebte. Was ist passiert?

Ein Kommentar

Wie sagte der russische Schriftstellen Anton Tschechow bereits: “Wenn im ersten Akt 40% Loss herrschen, dann wird es am Ende ein Rematch geben.” Rekapitulieren wir kurz einmal.

Es handelt sich um das Turnier “Flashpoint 3”, organisiert von Flashpoint. Dieses erlaubt es Teams “RMR-Punkte” zu verdienen, welche für die Teilnahme am PGL Major Stockholm notwendig sind.

 

Dies ist das dritte Turnier des US-amerikanischen Organisators. Flashpoint 1 wurde als die Neuerfindung des CS:GO Ökosystems propagiert, mit einem Teilhabe-System der Teams ähnlich zur preisgekrönten LEC. Man könnte behaupten, dass die Herrschaften nicht zum ersten Mal ein Turnier veranstalten und das Team dahinter kompetenter ist, als die Langzeitstrategie von führenden Fidget-Spinner Firmen.


Wir schreiben den 14.05, ein historisch ereignisreicher Tag. Die jüngste Mutter in der Menschheitsgeschichte gebärt ein Kind (1939), Papst Johannes XII. wird von einem Ehemann einer Geliebten erschlagen (964) und Mark Zuckerberg wird geboren (1984). Am 14.05.2021 jedoch ereignet sich einer der größten Dramen in der modernen eSports-Geschichte.

Akt 1

Ein eigentlich normales Best of Three

Die Schweden von Ninjas in Pyjamas fieberten auf dieses Match hin. Nach dem phänomenalen Jahrhundertwechsel von Nicolai “device” Reedtz wollten die Skandinavier natürlich ein spektakuläres Debüt abliefern. Auf der anderen Seiten fand sich das polnische Team Anonymo, mit dem VP-Veteranen Janusz “Snax” Pogorzelski. So weit, so gut. 

Das Desaster beginnt in Runde 3 der ersten Map, Overpass. Die Spieler von NIP, alle nebeneinander im Bootcamp, haben höheren Package Loss als DPD. 30 bis 40% an verlorenen Datenpaketen, so laut NIP. 

Okay, kein Thema. Kurz mal Server wechseln. 

Amsterdam, Stockholm, zwei verschiedene Locations in Frankfurt und nichts hat sich geändert. Folgend ergreifen die Anonymo-Spieler die Initiative und sprachen von der Möglichkeit das Spiel zu verschieben bis die Probleme identifiziert werden konnten.
Wahre lösungsorientierte Sportsmänner. Geht nicht, dann eben wann anders.

Laut Statement von NIP, was nun auch von Flashpoint bestätigt wurde, stimmt dies, doch gleichzeitig versuchte das Management von Anonymo den Schweden Strafpunkte aufbrummen zu lassen, da sie das Spiel verzögern. 

Gehen wir das nochmal durch. Ein Team hat hohen Package-Loss und jeder Serverwechsel ist keine Lösung. Das nicht betroffene Team bietet an, dass das Spiel zu einem anderen Zeitpunkt ausgespielt wird, sodass der Fehler behoben werden kann. 

Nun schlüpfen wir mal für eine Sekunde in unser Turnier-Organisator-Cosplay Outfit, mit Golf-Visor und Intercom am Ledergürtel. Das ist nicht die finale Frage bei “Wer wird Millionär?”, ob man letzteres auch wird. Das ist die 200€ Frage, wo der picklige Prakti ein lustiges Wortspiel mit Küchenutensilien oder Redewendungen einbaut. 

“Also Herr Flashpoint? Sie haben schon den 50:50 Joker benutzt und können nun das Game laufen lassen mit der Gefahr, dass eine der bekanntesten Organisationen im esport sich tierisch aufregen wird, oder sie verschieben das Spiel, so wie es das nicht betroffene Team angeboten hat.” 

Versuchen wir es mal mit einem äußerst abstrakten Gedankenspiel. Es ist Samstag, 15:30 Uhr. Die 1.Fußball-Bundesliga läuft auf Hochtouren. Das Spiel beginnt, doch plötzlich bricht über ganz Deutschland ein heftiger Regenschauer ein, welcher das Spielfeld vollkommen aufweicht. Die Reibung zwischen Ball und Rasen ist erhöht, das Spielgerät bewegt sich äußerst langsam und nicht so genau wie unter Idealbedingungen. Was sagt denn der DFB nun? “[Und] Bei einer Verschlechterung der Platzverhältnisse oder einem aufziehenden Gewitter muss der Unparteiische die Frist von 30 Minuten beachten, ehe er das Spiel abbricht.” (Quelle). 

Im Gegensatz zu einem Gewitter ist es natürlich so, dass nur eine Fraktion betroffen ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was wäre die Logik hinter einer falschen Behauptung seitens NIP? Eine Organisation mit 21 Jahren Geschichte und einer der größten Fanbase im gesamten eSport-Universum.
Wäre ein Spielabbruch so falsch gewesen?

Akt 2

Wer hätte damit gerechnet?

Falls ihr immer noch überlegt ob Flashpoint die 200€-Frage richtig beantwortet hat, ich muss enttäuschen. Das Spiel wurde ausgetragen, NIP musste 3 Maps mit schlechter Verbindung spielen und verlor am Ende 1-2. 

Nochmal, nicht irgendein Best of Three, eines wo es um Punkte für die Major Qualifikation geht. So lag die Reaktion der Schweden irgendwo zwischen Trappatoni und Kinski. Wutentbrannt öffnen die NIP-Spieler Twitter und bezeichnen die Organisatoren als “Amateure”, das Turnier sei ein “Witz”. 

Der empfindliche eSports-Fan war bereits empört und stellte sich eine 3-lagige Zupfbox aufs Waifu-Kissen. Wie erlaubt es sich dieser “Athlet” eigentlich sich über schlechte Spiel-, man könnte gar Arbeitsbedingungen sagen, zu echauffieren! Also der FC Bayern würde sich nicht so anstellen, wenn er das Champions League Achtelfinale auf dem Schlammplatz hinter dem Stadion der Stuttgarter Kickers spielen müsste!

 

Es ist Samstag, 15.05.2021, ein Tag nach dem Spiel. Logischerweise lässt NIP das nicht so auf sich sitzen. Somit wurde der dicke Wälzer namens “Rulebook” ausgepackt und NIP startete seine beste Michel Friedman (nicht von 2003) Impression. Was findet man?

Regel 5.5A ermöglicht das Einreichen einer formellen Beschwerde. Gesagt, getan und während die Beschwerde vonstatten geht, arbeiten die Flashpoint Admins weiter an einer Lösung. Am Ende findet Bob der Portmeister endlich das Problem. Es lag nicht am Routing und auch keine angebrochene Internetleitung durch Nordstream-Arbeiten war Schuld, es waren rein die Sicherheitseinstellungen auf Seiten Flashpoints. 

Die erste Reaktion wäre nun: „Also Sicherheitseinstellungen sind gut, die soll man nicht runterfahren. Es muss eine andere Lösung her!“. Nette Idee, aber es klappt ja bei jedem anderen Turnier.

Willkommen zurück bei „Wer wird Millionär?“! 

Kommen wir zu der 300€-Frage. 

„Sie organisieren ein Turnier und haben für schlechte Spielbedingungen gesorgt. Der Fehler kann nicht rückgängig gemacht werden. Kompetitive Integrität und ein bevorstehender Skandal steht auf dem Spiel. Was tun Sie?“

Akt 3

Tschechows neumodische Regel greift

Flashpoint entscheidet sich für ein Rematch am Sonntag, was zu dem Zeitpunkt circa 24 Stunden entfernt ist.. Die Liste an Fehlern von Flashpoint ist fast so lang wie die der aktuell angeklagten amtierenden österreichischen Politiker. Kurz und knapp, ein Patzer nach dem anderen.

Wir erinnern uns nochmal, die Polen von Anonymo haben das Game am 14.05 gewonnen. Es lag nicht an der Kooperationsbereitschaft des polnischen Teams (eher der Spieler), dass nicht sofort gehandelt wurde. 

Sie haben das Spiel ehrlich zu Ende gespielt und gegen einen genervten Gegner den Sieg errungen. Für die Polen lief alles fair, ergo, die Entscheidung wird angefochten. Dabei wagt sich Anonymo etwas Ungewöhnliches. Sie wollen, dass Valve das Anliegen klärt. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass Valve sich die Mühe macht aus dem NFT-Schaukelstuhl mal aufzustehen und etwas in die Hand zu nehmen ist so hoch wie im Arthouse-Kino eine Karte für Magic Mike zu ergattern. Es geht gegen 0, so dachte man. Prompt wacht der schlafende Riese auf und macht Ansage. Grob übersetzt „Wird gespielt, Ruhe jetzt.“

Anonymo ist sauer und sie haben jedes Recht dazu. Die Spieler bietet ohne Bitten oder Nörgeln an, dass man das Game verschiebt. Nun wird ihre Güte brutalst geohrfeigt und bespuckt. Es ist Ruhetag, es ist Sonntag. 

Laut NIP möchte Anonymo dieses Rematch am Sonntag nicht antreten. Die Stimmung ist angespannt, alle Parteien in der Verhandlung möchten einen Entschluss, jedoch verfolgt jeder andere Ziele. Es wird eine Pause gemacht, die Gemüter scheinen erhitzt. In der Zwischenzeit vergnügt sich jemand auf der Anonymo-Seite mit Photoshop und dem Twitter-Account der Organisation. 

Die polnische Seite meint, NIP übt auf Flashpoint Druck aus und macht dies auch abhängig von den Tweets der Organisation selbst, sowie den Spielern. Das Bedürfnis nach einer Lösung seitens Flashpoint muss sehr hoch sein, wenn man als „Witz“ und „Amateur“ bezeichnet wird. Die (öffentliche) Beweislage für die Anschuldigungen ist dünn und der Schachzug wirkt nicht aus der Carlsen-Schmiede. Ebenfalls interessant ist, dass Anonymo keinen Beweis der Internet-Probleme anerkennt, während Flashpoint scheinbar den Fehler identifiziert hat und den Package Loss nachvollziehen kann. 

Am 18.05.2021 ist das Thema gegessen. Flashpoint spricht und die letzte Map des Best of Threes, Mirage, wurde am 18.05.2021 um 21:00 MESZ ausgespielt. NIP hat gewonnen, doch um welchen Preis?

Was ist unser Resumee?

Man überlege sich, was passiert in anderen Bereichen des Lebens wenn ein solch unerwartetes Ereignis eintritt? Normalerweise gibt es dafür in vielen Bereichen und Berufen Handlungen auf die man zurückgreifen kann, ein “Notfallplan”. Ob die Situation überhaupt ein Notfall war ist etwas anderes. 

Eventuell kann man auf sowas nicht zurückgreifen, weil die Vorbereitung mangelhaft war. 

Dann gibt es die edle Ressource namens „Vernunft“. 

Mein Gott hätte man sich wohl einen Grantler wie Herrn Kant in dem Führungsstab von Flashpoint gewünscht. Zwar würde der Königsberger keine Ahnung von eSport mitbringen, doch mit dem Bildungsbürger-Klassiker “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.” so manches Debakel abwenden. Denn Vernunft hätte Flashpoint zwar die Zeit gekostet einen neuen Termin für die Partie zwischen NIP und Anonymo zu finden, jedoch hätte es keinen Aufstand durch die Bank weg gegeben.

mm

Vincent "Zescht" Talmon-Gros

Freelancer

Mittlerweile häng ich schon seit so 5 Jahren im eSport rum. Ab und zu durch die Gegend gereist und kommentiere dann auch mal CS:GO oder VALORANT. Nachdem mein Journalismus-Studium auch irgendwie Moneten bringen soll, schreib ich gerne.

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