Schweizer Parlament

Gaming im Schweizer Parlament: Interview mit Nationalrat Lukas Reimann

Im Schweizer Parlament wird über Gaming diskutiert. Genauer gesagt über den „Jugendschutz in den Bereichen Film und Videospiele im Bundesgesetz“. Im September 2020 wurde die Botschaft zum Thema eingereicht. Im Nationalrat soll nun darüber diskutiert werden – nicht alle sind Fan vom neuen Gesetz.

Über 100 Seiten umfasst die Botschaft zum neuen Jugendschutz, der nun im Nationalrat diskutiert wird. Darin sind viele Einzelheiten geregelt, wie das neue Gesetz in Kraft treten und durchgesetzt werden soll. Für den eSport könnte das neue Gesetz ziemlich einschneidend sein, da es die Förderung von jungen Talenten fast unmöglich macht.

Die Meinungen zum neuen Gesetz sind gespalten und reichen über Parteigrenzen hinaus. Nationalrat Lukas Reimann will sich für Gamer und eSportler stark machen – so kommuniziert er es jedenfalls auf der Social Media-Plattform TikTok.

@lukas.reimannEine weitere Verschärfung des Jugendschutzes bei Gaming & Film geht gar nicht! 🤯 ##politiktok ##fortnite ##gaming ##film♬ Originalton – Lukas Reimann

 

Nur PR oder ernstgemeintes Engagement? Wir haben nachgefragt.

Herr Reimann, ich fasse die Vorlage kurz zusammen und Sie können danach gerne ergänzen, was ich vergessen habe.

Man will Minderjährige vor Medieninhalten in Filmen und Videospielen schützen, die ihre körperliche, geistige, psychische, sittliche oder soziale Entwicklung gefährden könnte .Im Klartext geht es dabei vor allem um die Darstellung von Gewalt, Sexualität und bedrohlichen Szenen.

Das Gesetz soll regeln, wie die Anbieter von solchen Medien und Plattformen die solche Medien anbieten vorgehen müssen. Wie wird das Alter kontrolliert, wer ist für den Vollzug, die Aufsicht und die Koordination zuständig.

Passt das?

Lukas Reimann: Das hast du so weit ganz gut zusammengefasst. Was ich noch hinzufügen würde sind die sogenannten «Mikrotransaktionen». Wir hören vermehrt von Eltern, die sich über diese beklagen. Ausserdem ist diese Gesetzesvorlage so noch nicht definitiv. Man hatte in dieser Sitzung keine Zeit, die Vorlage final abzuhandeln, da andere Themen priorisiert wurden. In der nächsten Session wird sie wieder ein Thema sein.

 

Wir haben Sie aufgrund ihres TikToks kontaktiert. Sie sagen dort, Sie werden sich gegen die Einschränkungen einsetzen. Was meinen Sie damit?

Ich bin gegen die Vorlage als Ganzes. Der Staat sollte sich möglichst wenig einmischen, damit alle Akteure frei handeln können. Der Jugendschutz der Hersteller reicht meiner Meinung nach aus. Die Mehrheit spricht sich aber klar für die Vorlage aus, ich gehe also davon aus, dass diese durchkommen wird.

 

Herr Nationalrat Thomas Brunner sagt “Kinder seien aus evolutionsbiologischen Gründen anfälliger für Sucht. Sie müssten also vor manipulativen Inhalten geschützt werden.” Ich stimme dem zu. Ich finde es aber interessant, dass man sich dann auf Alterskontrollen und Jugendschutz konzentriert anstatt auf die Gefahren von Lootboxen, Gambling und Cosmetics in Gratisspielen, die jugendfrei sind (Beispiel Fortnite). Kennt man im Parlament diese Problematik?

Das Problem ist vor allem den Politikern bekannt, die selber Kinder haben, die diese Inhalte konsumieren. Mein Parteikollege David Zuberbühler beispielsweise befürwortet die Vorlage, da sein Sohn selbst einen Grossteil von seinem Taschengeld für diese Mikrotransaktionen ausgibt. Diese Thematik ist also durchaus bekannt im Parlament.

 

Da sind sie also auch parteiintern nicht gleicher Meinung. Es wird auch von einer Angleichung an das Schutzniveau der EU gesprochen. Lustigerweise sind die oben erwähnten Lootboxen in Belgien und der Niederlande bereits verboten, in Deutschland höchst umstritten. Und in der Schweiz?

In der Schweiz ist kein Verbot vorgesehen. Man will aber eine Art «Kindersicherung» implementieren. Das heisst, die Eltern können Mikrotransaktionen für die Accounts von Minderjährigen deaktivieren. Ich denke auch, dass man sich eher an den deutschsprachigen Raum anpasst als an die ganze EU, ähnlich wie bei den Regelungen rund um das Kino.

 

Wie wird denn sichergestellt, dass Minderjährige nicht einfach falsche Angaben machen, wenn sie das Geburtsdatum angeben müssen? (Nicht dass wir das jemals gemacht hätten.)

Ich denke man wird das Alter per ID identifizieren lassen müssen, ähnlich wie bei Webseiten, bei denen man Tabak oder Alkohol bestellen kann. Es ist jedoch noch nicht festgelegt, wie das Alter genau überprüft werden soll.

 

Ich weiss nicht wie ehrlich Sie mir hier antworten können als Parlamentarier. Aber ich kann aus persönliche Erfahrung sagen: Eine Altersbeschränkung hat mich noch nie davon abgehalten, ein Spiel zu spielen dass ich spielen wollte. Man findet immer einen Weg. Wird dieser Fakt bewusst ignoriert oder denken die Parlamentarier, dass ein solches Verbot es für Minderjährige unmöglich macht, mit solchen Inhalten in Berührung zu kommen?

Ich denke die Mehrheit im Parlament stellt sich vor, dass man dies wirklich verunmöglichen kann. Ich persönlich bin der Meinung, dass solche Verbote den Reiz dieser Inhalte nur noch verstärkt. Was verboten ist, ist interessant. Das war auch in meiner Kindheit so. Mein Vorschlag wäre es auf Information und Bildung zu setzen. Für diese Thematik wären Dinge wie Umgang mit Geld und Schulden und das Informieren über Gefahren von «schockierenden» Inhalten wichtig.

 

Was denken Sie über Minderjährige in eSport-Teams, die Titel spielen, die sie gemäss Altersfreigabe gar nicht spielen dürfen?

Sobald das Team in der Öffentlichkeit steht und damit Geld verdient wird, ist es natürlich schwierig. Ich habe nur die Angst, dass solche Talente dann einfach für «Nicht-Schweizer»-Teams antreten um das Gesetz zu umgehen, was auch kontraproduktiv wäre. Ich denke nicht, dass die Polizei dann Kapazität hätte diese «Cyber-Kriminellen» zu jagen.

 

mm

Severin Stillhard

Online-Redaktor

Angefangen hat die Gamer-Karriere mit Pokémon Rubin. Mittlerweile hat er wohl jeden relevanten kompetitiven Titel ausprobiert aber leider nur mässig Erfolg gehabt. Ist jetzt auch nicht mehr so wichtig, da er nun auf eSports.ch seine Begeisterung für Games mit Menschen teilen kann und man dabei nur gewinnen kann.

Mehr von Severin Stillhard
News melden
Follow Us
Stay in the game!

Abonniere jetzt unseren Newsletter

Follow Us
eSports.ch