Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Heiri’s Kolumne: Alter…

Die Kluft zwischen den Generationen treibt einen Keil zwischen eSportler und den Rest der Welt, findet unser Kolumnist Heiri Weingartner.

Menschen, die eSport betreiben, haben hauptsächlich zwei Eigenschaften: Sie sind jung und  sie sind dumm. Ich höre schon die Kommentarschreibenden, klickerklacker «Beleidigung», klickerklacker «keine Ahnung hat der», klickerklacker und «eSports.ch publiziert so eine Kacke». Aber wait a minute – ich spreche aus eigener Erfahrung. Vor rund zwanzig Jahren war ich süchtig nach Paninibildern und Pokémon. Beide funktionierten nach einem einfachen, aber genialen Prinzip: Sammeln und Tauschen. Paninibilder und Pokémon teilten die Schulhöfe in regelrechte Schlachtfelder mit Freunden, Feinden und unschuldigen Nichtsahnenden. Jede und jeder hoffte, er oder sie könne alle Pokémon sammeln oder das Panini-Heft vervollständigen. Und wenn man dann sogar die Mannschaft des Irans drin hat, die nur in einer bestimmten Tageszeitung abgedruckt war und die man mühsam mit einem Pritt-Stick einkleben musste, ist man Boss.

Der eSport-Zirkus funktioniert nach einem ganz ähnlichen Prinzip: Das Gros der eSportlerinnen und eSportler geht ihrer virtuellen Betätigung hauptsächlich ehrenamtlich nach, ja, bezahlt sogar dafür, indem es Spiele, Updates, Reisetickets kauft. Und es hält sich hartnäckig der Mythos, dass, wenn genügend oft und intensiv geübt wird (und wenn genügend oft und intensiv Geld ausgegeben wird), man es in die Riege der ganz Wenigen schafft, die eSports hauptberuflich betreiben. Der Pokémon- und Panini-Mythos ist, mit etwas US-amerikanischem Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Groove angereichert, erwachsen geworden und lässt sich prima vermarkten. Dass es etwa Einmillionstel der Bevölkerung schafft, mit eSports tatsächlich Geld zu verdienen, ist egal. Es steigert den Drang nach Berühmtheit nur noch mehr.

Dieser Mechanismus funktioniert aus einem uralten Grund: Der Kluft zwischen Jung und Alt. Erst ein gewisses Alter lässt hinter die Kulissen der wirtschaftlichen Trickserei blicken; in diesem Alter hat man jedoch Einiges an sprachlicher Hoheit verloren. Den Blick hinter die Kulissen kann man den Jungen also nicht mehr vermitteln, weil diese ganz einfach nicht mehr auf einen hören. Sie wissen selber alles besser. Glaubt mir, ich war ebenfalls so. Natürlich ist es Humbug, wenn die Älteren von «Killerspielen» oder einer «Bildschirmsucht» reden – aber vielleicht bringen sie damit nur ihr Unbehagen gegenüber der gigantomanischen Game-Industrie zum Ausdruck, die von ihren jungen Jüngern vorbehaltslos akzeptiert wird? Leider drücken sie sich auf eine, naja, alte, konservative und verknorzte Weise aus. Und die Jungen verstehen nix. Ok, Boomer!

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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