Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Crunch

In vielen Videospielfirmen gehört Crunching zum guten Ton. Crunch hat auch seine guten Seiten, findet unser Kolumnist Heiri Weingartner.

Mit den Zähnen knirschen, zermalmen, knuspern: Crunch. Crunch-Time steckt hinter vielen eSports-Titeln und Videospielen. Übereifrige Developer wie die Houser-Brüder bei Rockstar Games, Electronic Arts (z.B. die Fifa-Reihe) oder Naughty Dog («The Last of Us») werden von ehemaligen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern oder deren Familien dafür kritisiert, 12-Stunden-Tage und 70-Stunden-Wochen zu erwarten. Implizit oder explizit, durch böse Blicke oder mächtigen Gruppendruck. Dadurch entstehen vielfach fantastische Spiele. Aber es entstehen eben auch Burnouts, überhitzte Beziehungen und ein angsterfülltes Arbeitsklima. Crunch-Time kennen wir alle. Ist dieses Phänomen ein Problem? Meine persönliche Geschichte zu Crunch beginnt in der Primarschule, in der sechsten Klasse: Es ist 15:15 Uhr und ich habe noch nicht alle Matheaufgaben erledigt. Deshalb erwartet mein Lehrer von mir, dass ich bis 15:20 Uhr bleibe und noch 2-3 Aufgaben löse. Das löst in mir Angstzustände, Bauchschmerzen und Kopfweh aus.

Fast Forward, Studium, circa zwölf Jahre später. Ich gebe mir Philosophie, ich gebe mir Filmwissenschaften. Bei Hausaufgaben oder Hausarbeiten arbeite ich stunden-, wochen-, monatelang, bis jedes Wort stimmt und die These wohlbegründet ist. Wieso? Weil es mich interessiert und meine Leidenschaft ist. Auch wenn es Leiden schafft. Dafür kriege ich – anders als in der Primarschule ­– ausgezeichnete Noten und habe Freude. Ist es die Fehlernährung, das Kopfweh und die schlaflosen Nächte wert? Definitiv ja. Crunch-Time ist eine Frage der Perspektive. Die Perspektive der Gamenden sieht so aus: Wieso benötigen diese Idioten fünf Jahre für ein Spiel? Wieso verschieben die den Release schon wieder? Kommt das Spiel endlich? Und dann erscheint «GTA 5», «Read Dead Redemption 2» oder (bald) «The Last of Us 2» und man denkt sich: das Warten hat sich gelohnt. Aber hat sich das Crunchen der Mitarbeitenden ebenfalls gelohnt? War es das Leiden wert? Eine Frage der Perspektive. Diese Spiele wären niemals so cineastisch, gut und detailversessen geworden, wenn nicht gecruncht worden wäre bis zum Burnout. Burnouts, Plural.

Crunch hängt stark mit Kontrolle und Druck zusammen. Bei Firma X oder Firma Y müssen die Mitarbeitenden Extraschichten schieben und am Wochenende bleiben, um zu beweisen, dass sie für die Arbeitgeberin oder den Arbeitgeber alles tun würden. Schliesslich tun es alle anderen und die Bosse sowieso. Mitarbeitende von Rockstar Games erzählen, dass sie am Wochenende nur an ihre Arbeitscomputer hockten, weil die Chance bestehe, dass die Firmaväter Dan und Houser das Büro besuchen würden. Auch wenn die Mitarbeitenden gar nichts zu tun hätten. Wie effizient. Das klingt fast schon wie Nachsitzen in der Primarschule. Deshalb liebe ich Universitäten: Niemand zwingt einen – ob implizit durch Druck oder explizit mittels Weisungen – zum Crunchen. Aber wenn du der oder die Beste sein willst, dann wirst du zähneknirschend nächtelang hinter die Bücher müssen. Das macht dir aber nichts aus, weil es dich interessiert und deine Leidenschaft ist. Ich glaube, wenn in Firmenalltagen Crunchen optional wäre, würde die Mitarbeiterzufriedenheit um 100 Prozent steigen. Und die Spiele noch besser werden. Gecruncht würde natürlich immer noch. Aber es wäre ok.

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

Mehr von Heiri Weingartner
News melden
Follow Us
Stay in the game!

Abonniere jetzt unseren Newsletter

Follow Us
eSports.ch