Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: eSport oder nicht?

Unser Kolumnist Heiri Weingartner findet, dass «FIFA» heute kein richtiges eSport-Spiel mehr ist. In seiner Kolumne begründet er, weshalb.

Die Fussball-Simulation «FIFA» ist einer der bekanntesten und populärsten eSport-Titel der Welt. Fragt sich nur, weshalb. Denn «FIFA» ist meiner Meinung nach nicht eSport-würdig. Eine kurze Anekdote mag dies veranschaulichen: Gegen einen guten Freund von mir, nennen wir ihn Hans-Lukas, spiele ich 2-3 Mal pro Woche eine Partie «FIFA». Er ist Borussia Dortmund, ich spiele mit SL Benfica. Vor dem Spiel wechselt Hans-Lukas Aufstellung, Taktik, Spieler, dabei sieht er aus wie ein Vollprofi. Ich mache es ihm nach, habe aber keine Ahnung, was ich tue. Ich habe auch schon einen Torhüter ins Mittelfeld berufen, aus Versehen natürlich. Hans-Lukas kann vor dem Spiel werkeln und wechseln wie er will, mit Nicolás Gaitán (wir spielen «FIFA» 15, da war Gaitán noch bei Benfica) laufe ich um seine Spieler herum, bis vors Tor und mit etwas Glück treffe ich ins rechte Eck. Dass Hans-Lukas trotzdem fast jede Partie gewinnt, sollte über meinen Punkt nicht hinwegtäuschen: Bei «FIFA» ist die Eigenleistung des Spielers oder der Spielerin klein.

Aber da ich ja ein Laie bin, wollte ich wissen, ob das auch Profis so sehen. Und siehe da: Ich wurde fündig! Daniel und Dennis Schellhase, die weltbekannten «FIFA-Twins», die als die erfolgreichsten FIFA-Spieler der Welt gelten, gaben Red Bull vor einigen Jahren ein Interview. Sie sagten dort: «Der Hersteller hat das Spiel in den letzten Jahren immer massentauglicher entwickelt, viele Zufallselemente und Glücksvariablen eingebaut. Es musste immer leichter werden, schnell selbst sehr geübten Spielern Probleme zu bereiten, um keinen Frust aufkommen zu lassen und jedem das Gefühl zu vermitteln, es zu beherrschen.» Das heisst, «FIFA» wurde von Jahr zu Jahr weniger kompetitiv. Ich frage mich, weshalb bei eSport-Events stets die neueste Version gespielt wird, anstatt eine Ur-Version, von Experten als eSport-würdig gekürt. Ob dies mit dem fehlenden Werbe- und Marketingeffekt bei einer solchen Ur-Version zusammenhängen mag? Geht es dem Entwickler EA Sports bei seinen kompetitiven Grossanlässen etwa gar nicht um eSport? Was meint die eSport-Szene dazu?

 

 

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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