Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Gamen und gamen lassen

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden Videospiele universell akzeptiert. Aber die ersten Spielverderber haben schon ihre Krawatten parat.

Das für unmöglich Gehaltene ist eingetroffen: Die World Health Organization, unser Bundesrat und unser Grosi raten dazu an, zu Hause zu bleiben und zu zocken. Es ist die schönste Zeit meines Lebens. Sonntag, Sonne, ich hocke in meinem Loch und bringe in «Red Dead Redemption» eine Kuhherde über den Fluss. Auf meiner Farm regnet es in Strömen, ich friere plötzlich ein bisschen und ziehe – in echt – eine lange Trainerhose an. Bald kommt die bestellte Pizza, über die ich mich freue. Dank der «Kein Kontakt»-Funktion muss ich nicht mit der Pizzabotin sprechen, sie legt sie vor die Türe. Bezahlung per Kreditkarte. Schlechtes Gewissen: Null. Wohlstandsbäuchlein: Ja. Corona for life. Leider muss ich sechs Stöcke herunterlaufen, um die Pizza zu holen. Aber ein bisschen Bewegung muss sein.

In dieser Situation sind die bösen Wirtschaftsheinis die Spielverderber. Sie nörgeln seit Wochen herum, die Gesellschaft «müsse möglichst bald wieder zur Normalität zurückkehren». Der erste Schritt dahin war die Öffnung der Gartencenter. Denn Gartencenter sind systemrelevant: Der Frühling kommt und wenn Schweizer Haushalte auch im Mai noch keine Geranien auf den Balkons haben, könnte das der Anfang vom Ende sein. Verständnislosigkeit der Nachbarn, Aufruhr, Anarchie, Untergang. Und was soll das überhaupt heissen: «zur Normalität zurückkehren»? Ich kann zu jeder Zeit, bei jedem Wetter und jeder Gefühlslage zu Hause sitzen und Videospiele spielen, bis der Arzt kommt. Das ist meine Normalität. Und wisst Ihr was? Damit schade ich nur mir selber.

Trotzdem gehören eSportlerinnen, eSportler, Gamerinnen und Gamer zu den wenigen Menschengruppen, die sich für ihren Lebensstil rechtfertigen müssen. Nie heisst es: «Wieso spielst Du Fussball? Wieso machst Du Musik? Wieso arbeitest Du in einer Bank?». Aber vielfach: «Wieso sitzt Du bei diesem schönen Wetter zu Hause herum und spielst Videospiele?» Deshalb hat die eSports-Lobby versucht, das Image des typischen Videospielenden aufzupolieren: mit sportlichen Vorzeige-eSportlern, Sesseln, die wie Formel-1-Cockpits aussehen und der schon fast härzigen Betrachtung, dass erfolgreiche eSportlerinnen und eSportler körperlich fit sein müssen. Ich finde das den falschen Weg. Weshalb soll ich mir von jemand anderem vorschreiben lassen, wie ich mein Leben zu leben habe? Fett und faul braucht ein Revival. Liebe faule, fette Menschen: Unsere Zeit ist gekommen. Und wir lassen uns unser Nichtstun nicht so schnell wieder wegnehmen. Corona hat gezeigt, dass die Wirtschaftsheinis Geld abdrücken können, sobald eine Krise kommt. Das heisst, sie können auch Geld abdrücken, wenn keine Krise kommt. «Das ist nicht bezahlbar. Das ist alternativlos. Das ist das System» sind totgeschlagene Argumente. Für ein ganzes Jahrhundert wurden Menschen in ihren Berufen dafür bezahlt, ihre Psychen, diejenigen der Mitmenschen sowie die Umwelt zu belasten. Es sollte umgekehrt sein: Ich möchte vom Staat fürs Nichtstun bezahlt werden. Denn, wie wir gerade sehen: Es rettet Leben. Vive la Paressevolution!

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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