Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Heute keine Idee

Unser Kolumnist Heiri Weingartner sprudelt diese Woche nur so vor Ideenlosigkeit und zieht deshalb den Kolumnen-Joker.

Kolumnistinnen und Kolumnisten haben immer einen Joker, wenn ihnen überhaupt nichts eingefallen ist. Dann dürfen sie über ihre eigene Einfallslosigkeit schreiben. Ich möchte hiermit meinen Kolumnen-Joker einsetzen. Das klingt billig, ich weiss. Aber nach über 30 Kolumnen habe ich mir das verdient. Ja, 30 Kolumnen! Ich konnte es selber kaum glauben. Im eSport passiert eigentlich jede Woche, jeden Tag, jede Stunde irgendetwas Interessantes, über das man schreiben könnte. Und jedes Mal wird diese neue Entwicklung als «wegweisend», «wichtig» oder «zentral» verkauft. Vielleicht liegt darin das Problem: Wenn immer iiirgendetwas Interessantes passiert und alles als gleich interessant und wichtig verkauft wird, ist alles genau gleich langweilig. Nach über eineinhalb Jahren Kolumnenschreiben dünkt es mich, dass eSport immer noch kein «Wichtigkeitsfilter» hat: Was neu ist, wird erwähnt und publiziert, weil es neu ist. Diese Reizüberflutung ist schuld an meiner Ideenlosigkeit.

Okay, das ist eine zu einfache Erklärung. Man könnte mir nämlich vorwerfen, dass ich selber schuld bin, dass mir keine Idee einfällt. Die Wendung «eine Idee einfallen» ist schon Teil des Problems und zeigt auf die Lösung. Eine Idee fällt nicht einfach so ein, sie braucht Arbeit, Muse, Inspiration. Manchmal lese ich alle Neuigkeiten zum eSport, alle neuen Beiträge auf eSports.ch, sitze stundenlang auf meinem Bett und starre die weisse Wand an. Und danach starre ich nochmals stundenlang auf das leere, ebenfalls weisse Word-Dokument. Das habe ich diese Woche ebenfalls gemacht. Es ist viel passiert im eSport, ich verstehe das Wenigste und das Meiste interessiert mich nicht wirklich. Vielleicht liegt es an mir – habe ich alles, was mir zu eSport einfällt, herausgeschrieben? Kann das überhaupt sein? Kein Thema zu haben bedeutet doch einfach, dass ich zu wenig kreativ bin, oder? Und wenn ich zu wenig kreativ bin, was mache ich dann überhaupt noch hier? Deep stuff.

Es gibt Kolumnisten wie Axel Hacke in der Süddeutschen Zeitung oder Harald Martenstein in der ZEIT, denen immer irgendetwas einfällt. Während Corona sind Axel Hacke die Themen nicht ausgegangen. Er hat unter anderem ein Gespräch mit seinem Kühlschrank geführt – es ist zum Kaputtlachen, lest es unbedingt. Am besten statt diese Kolumne, sie ist nicht so gut geworden. Ich könnte kein Gespräch mit meinem Kühlschrank führen, dafür fehlt mir das Einfallsreichtum und die Geduld. Ich führe, wie heute, in meinen Kolumnen meistens Selbstgespräche. Heisst das, dass ich ein Narzisst bin? Mag sein. Vielleicht könnte ich in einer meiner nächsten Kolumnen einen offenen Brief schreiben. Das Problem: Heutzutage werden so viele offene Briefe geschrieben, dass das dann auch wieder ausgelutscht und langweilig wäre. Und vor allem: Wem sollte ich einen offenen Brief schreiben? Im eSport sind ja alle gleich bekannt, berühmt, neu und interessant.

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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