Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Me the People

Unser Kolumnist befindet sich gerade in Chicago. Nach seiner Ankunft erschütterten zwei Amokläufe die USA. Und dann kam das Ich-Gen.

Kennt ihr das Ich-Gen? Ich kannte es vorher auch nicht. Ich habe es gerade erfunden. Aber es ist ein sehr gutes Gen, wahrscheinlich das beste Gen, das es gibt. Alle vorherigen Gene waren desaströs. Das Ich-Gen ist wahrscheinlich auch das einzige Gen, das es gibt. Alle anderen Gene sind Fake News. Die Attentäter von Dayton und El Paso liessen ihrem Ich-Gen freien Lauf. Ich bin so wichtig, dass Ich anderen Menschen das Leben nehmen darf. Die USA ist ein Ich-Gen-Land. Hier hupt man nicht für die Signalisation von Gefahren, sondern für die Signalisation des Ichs. Hier komme Ich! Donald Trump kennt den besten Deal gegen Waffengewalt: Man muss etwas gegen «gruesome and grisly video games» tun. Glauben wir ihm, er ist ein «stable genius». Es gibt keine zuverlässige Studie, die einen Zusammenhang zwischen realer Gewalt und Videospielen nachweisen kann. Ihr könnt mir glauben, auch ich bin ein stabiles Genie.

Manchmal scheint in Donald Trump ein bisschen Wir-Gen auf. Einen kurzen Moment liebäugelte er mit schärferen gun laws, beispielsweise umfassenderen Background-Checks. Doch dann kam Wayne LaPierre, der CEO der US-amerikanischen Waffenlobby NRA. Er hat Ich-Gen-Wissenschaften studiert, mit Spezialisierung auf Ich-Gen-Überzeugungsarbeit. Als LaPierre mit Trump redete und meinte, schärfere Waffengesetze würden dessen Wählerbasis missmutig stimmen, krebste der US-amerikanische Präsident zurück. Er konnte sich gut an die NRA-Wahlkampfspende über 30 Millionen Dollar erinnern und wollte sich auf die nächste freuen. Me first. LaPierre meinte einst: «Guns don’t kill People. Loners with absolutely unfettered access to guns kill people.» Ein typischer Ich-Gen-Satz. Ich weiss, was Menschen tötet. Denken wir uns alle Videospiele weg: Menschen werden immer noch erschossen. Very sad. Denken wir uns alle Schusswaffen weg: Menschen spielen immer noch Videospiele, können aber nicht mehr schiessen. Eine einfache Rechnung, die durch das Ich-Gen verkompliziert wird. Ich darf eine Waffe haben, weil Ich zurechnungsfähig bin. LaPierre meint, dass das Recht auf Waffen nicht von Menschen verfasst, sondern allen US-Amerikanerinnen und -Amerikanern bei der Geburt von Gott zugestanden wurde. Und was ist mit dem Recht auf gewalttätige Videospiele? LaPierres Ich-Gen meint: Gott will, was Ich will.

Letztes Jahr floss ebenfalls Ich-Gen-Blut: An einem eSports-Turnier in Florida erschoss ein Spieler zwei Mitspieler, verletzte zehn weitere und tötete sich dann selber. Weil er verloren hatte. Wenn Ich verliere, dann töte Ich. Daraufhin bot Donald Trump dem Gouverneur von Florida Hilfe an. Über gewalttätige Videospiele verlor er kein Wort. Kein Wunder: Am Turnier wurde das beliebte Sportspiel «Madden NFL 19» gespielt. Wenn es nicht gewalttätige Videospiele sind, dann ist es laut Trump geistige Verwirrung. Waffen hingegen sind die friedfertigsten Wesen, solange man den Abzug nicht betätigt. Apropos geistige Verwirrung: Man munkelt, dass Wayne LaPierre dank einer simulierten Nervenkrankheit den Einzug in den Vietnamkrieg umging. Er wollte nicht zu den loners with absolutely unfettered access to guns gehören, die Menschen töten.

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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