Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Customizing in Videospielen ist ein Trend, der nicht ablässt. Oder: Wieso sind wir heute alle zu Pippi Langstrumpfs verkommen?

Ich mochte Mode noch nie. Kleider tragen wir als Schutz vor Kälte oder als Schutz vor paarungswilligen Menschen. Sie sind total funktional. Trotzdem gibt es Pfauenfederhüte, pinke Kimonos mit Samtgürtel oder individualisierbare Hemdmanschetten. Für was? Menschen, die viel Wert auf ihr Äusseres oder eine schön eingerichtete Wohnung legen, sind mir suspekt. Wenn in der Stube alles glänzt, dann kann im Oberstübchen nicht alles stimmen. In den letzten Jahren gab es im Gaming einen Trend hin zu customisierbaren Fahrzeugen, Avatars, Waffen und Welten. Um neue Skins wird ein Tamtam gemacht wie um einen neudesignten Trenchcoat von Giorgio Armani. Wenn bald ein neues Game erscheint und auf YouTube der Trailer dazu, findet man unter dem Video garantiert jedes Mal einen Kommentar wie folgenden:

«I will spend ten hours customizing my character.»

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Das sang Pippi Langstrumpf. Damit wollte sie gegen althergebrachte Geschlechterklischees und Benimmregeln protestieren. Der Pippi-Langstrumpf-Virus ist heute in uns allen. Er ist jedoch mutiert zu einem zahmen Individualisierungmödeli ganz ohne Protest. Macht es ein Spiel besser, wenn ich ein Messer mit einem Tigermuster dekorieren kann? Nö. Macht es ein Spiel besser, wenn ich meinem Charakter eine blaue Hautfarbe mit roten Flecken und einen Fedora-Hut mit einem Teddybär drauf geben kann? Nö. Macht es Spass? Scheinbar. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es der Gamerin, dem Gamer, ja, allen Menschen, besser gehen würde, wenn sie nicht dasjenige bekommen, was sie wollen. Früher wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Das sollte heute auch noch so sein. Ich bin total gegen freie Entscheidungen. Die machen dumm und kindisch. Wer sich die Welt immer so machen kann, wie sie ihm oder ihr gefällt, kommt nie weiter. Wenn die Neandertalerin zuerst zehn Stunden lang ihren Jagdstock customisiert hätte, wäre sie verhungert.

Dieser Individualisierungswahn hat die Game- und eSport-Community verwöhnt gemacht. Das zeigen Shitstorms, wenn etwas nicht so herauskommt, wie sie es gerne gehabt hätten. Paramount Pictures änderte den Look von Sonic im Film «Sonic the Hedgehog» komplett, als die Community protestierte. Bei «The Last of Us 2» wird die Geschichte nicht so erzählt, wie es die Community gerne gehabt hätte. Deshalb drehte sie völlig am Rad. Was für ein Kindergarten. Dann macht es doch selber! Ich glaube, dass Videospiele um so besser sind, je weniger die Community Einfluss nehmen kann. Gamerinnen und Gamer sollten Videospiele spielen, nicht entwickeln. Das Schöne an einem Videospiel ist doch, dass man in eine Welt geworfen wird, die einem fremd ist und deren Menschen man nicht kennt. Und dann akzeptiert man dies und lernt Neues kennen. Jede und jeder von uns wird auch im Leben irgendwann vor Tatsachen gestellt, die nicht customisierbar sind. Je eher man das lernt, desto besser. Gefällt Euch nicht, was ich hier schreibe? Das ist mir egal, weil Ihr es nicht ändern könnt. Deal with it.

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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