Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Schnöder Mammon

Vielen Menschen geht es nur um Eines: Geld. Der Spieleentwickler Blizzard gehört zu diesen Menschen. Unser Kolumnist hat ein schwieriges Verhältnis zum Papiergott.

Als Kind habe ich mich oft gefragt: Woher kommt Geld? Wer entscheidet, wer wie viel Geld erhält? Wie viel Geld gibt es auf der Welt? Zwei Jahrzehnte später habe ich diese Fragen immer noch nicht beantworten können. Dazu fehlt mir das historische und ökonomische Wissen. Ich sollte mehr lesen. Das kann ich nicht, weil mir dann weniger Zeit fürs Geldverdienen bleibt. Ein Dilemma. Laut der öffentlichen Meinung müsste ich mir keine Gedanken über Geld machen, weil ich als eSports-Kolumnist in der «boomenden Gaming-Industrie» tätig bin, in die «immer mehr Unternehmen investieren» und die im letzten Jahr in den USA mit 139 Milliarden Dollar mehr Einnahmen als Live-Sport, Kinofilme und Musikstreaming zusammen erzielt hat. In der Schweiz betrugen sie je nach Studie zwischen 200 und 300 Millionen Franken. Immerhin. Diese Studien lese ich aufgrund von finanziellen Überlegungen. Wenn ich die Honorare meiner Kolumnen auf ein Jahr hochrechne, habe ich an diesen Einnahmen einen Anteil von 0.00002 Prozent. Wow – irgendetwas mache ich falsch.

Der Spieleentwickler Blizzard hat 2018 7.5 Milliarden erwirtschaftet. Das sind zwei Millionen und fünfhunderttausendmal mehr als ich. Wow, die machen irgendetwas richtig. Und tatsächlich: Die schauen zum Geld. Den Hongkonger eSportler Blizz Chung belegte Blizzard mit einer schweren Strafe, weil seine in einem Livestream geäusserte Chinakritik dem Unternehmen wirtschaftlich schaden könnte. Blizzard gehört zu fünf Prozent dem chinesischen Tech-Unternehmen Tencents und hat den chinesischen Markt in den letzten Jahren für sich entdeckt. Als sich fast die gesamte Gaming-Welt hinter Blizz Chung stellte und sich ein Blizzard-Boykott breit machte, krebste der Spieleentwickler zurück und verringerte die Strafe. Auch hier schaut der World-of-Warcraft- und Overwatch-Erfinder zum Geld: Die Gaming-Welt will man nicht als Feind, diese kauft schliesslich die Spiele, die man entwickelt.

Geld ist wie Gott. Es wird in verschiedenen Währungen angebetet und dient als Stütze in allen Lebensbelangen. Aber es existiert nicht wirklich. Diese Abstraktion funktioniert nur, weil alle Menschen daran glauben. Ich bin ein finanzieller Atheist und glaube nicht an Geld. Vielleicht bin ich deshalb Kolumnist und kein Manager eines grossen Videospielkonzerns. Ich fände diesen Beruf viel zu anstrengend. Immer darauf gucken, dass am Ende des Jahres mehr da ist als vorher und nach der Pfeife der Konsumenten tanzen. Total stressig. Gott und Geld sind auch die häufigsten Gründe, weshalb sich Menschen gegenseitig die Birnen einschlagen. Deshalb bin ich bis anhin gut damit gefahren, mich von beidem möglichst fernzuhalten. Darf ich bitte trotzdem meine 0.000001 Prozent der jährlichen Gaming-Industrie-Einnahmen für diese Kolumne? Ja, ich gebe zu, ich brauche sie.

 

 

 

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Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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