Abbildung von Heiri Weingartner als Titelbild zur Kolumne

Kolumne: Und täglich grüsst das Update

Alles ist vergänglich. Im Moment ist alles noch ein bisschen vergänglicher. Gamer kennen dieses Problem.

Dieser Satz wird nicht in die Geschichte eingehen. Dieser auch nicht. Dieser vielleicht? Nein. Wir leben im Zeitalter der rasenden Vergänglichkeit. Was heute gilt, muss morgen nicht mehr gelten und übermorgen sowieso nicht. Am 12. März hat Herr Berset gesagt: «Wir müssen jetzt was anderes tun als Party machen.» Und die Schweiz war nicht mehr wiederzuerkennen. Plötzlich waren alle sozial distanziert. Gut, das war hier schon vorher so. Aber jetzt Level 100. Auf jeden Fall war alles, was ich in meiner Kolumne (zu Corona) geschrieben hatte, innert drei Tagen veraltet. Auch das Bundesamt für Gesundheit haut täglich neue Empfehlungen raus und erachtet die alten als überholt. Jemand schrieb, gerade jetzt könnten «die Medien» beweisen, weshalb es sie braucht. Im Gegenteil: Wer kauft sich jetzt noch eine Zeitung, wenn morgen die Fakten ganz andere sind? Und Live-Tickern zugucken ist ab der ersten Sekunde ermüdend. Lieber vergraben und im Juni wieder mal den Finger aus dem Fenster halten.

Dies hat mich an Videospielgrafik und CGI erinnert. Nach ein paar Jahren sieht ein Game oder ein Film überholt aus. Ich habe letztens wieder mal «Herr der Ringe» geschaut. Es ist der meistüberschätzte Film aller Zeiten. Die computergenerierten Bilder sehen aus, als hätte ich sie programmiert. Und das bierernste Pathos hilft auch nicht gerade. CGI und Game-Grafik veralten grundsätzlich immer. In hundert Jahren wird auch «Cyberpunk 2077» scheisse aussehen. Es gibt Ausnahmen: An «The Legend of Zelda: Ocarina of Time» für den Nintendo 64 kritisiert niemand die Grafik. Irgendwie ist dieses Spiel derart aus einem Guss und formvollendet, dass es auch in hunderten (tausenden?) von Jahren noch als Kunstwerk gelten wird – egal wie verpixelt das Spiel aussieht. Ich glaube, dass man die Wirkungskraft von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen – der eSport gehört da genauso dazu – erst in einigen Jahrzehnten akkurat bewerten kann. Und einige Jahrhunderte danach, wenn man das grosse Bild hat, wird das Ganze nochmals neu bewertet.

Heute haut man ein Game raus und liefert später das Update nach. Medien faseln etwas von «Jahrhundertereignis» und vergessen es zwei Wochen später wieder. Oder: Wir müssen das, wir müssen dieses, dazu muss noch ein Facebook-Eintrag online, hier muss noch eine Mail raus und deswegen müssen wir unbedingt noch zusammensitzen. Es ist nicht die Welt, die sich zu schnell dreht, wir selber drehen sie zu schnell. Und statt während der jetzigen Zeit einfach mal abzuschalten, nichts zu tun und die letzten paar Jahre gären zu lassen, dünkt mich, die Schweiz schafft es als einziges Land, in noch mehr Stress zu kommen als zuvor. Gerade dem eSport würde eine Standortbestimmung guttun. Wo will man in zehn Jahren sein? Wie kommerziell soll eSport sein? Will man die Nähe zur staatlichen Unterstützung suchen oder nicht? Wenn wir alle nach Corona weitermachen wie bisher, wird die Zeit zwischen 1990 und 2030 ein schwarzes Loch in der Menschheitsgeschichte sein. Weil sich während dem ganzen Tohuwabohu niemand Zeit gelassen hat. Sondern, wie es heute so schön heisst, «einfach mal gemacht hat». Immer und immer wieder. So wie Publisher eben unfertige Games releasen und später Updates nachwerfen. Aber was soll’s, diesen Text wird man in ein paar Tagen sowieso wieder vergessen haben.

mm

Heiri Weingartner

Kolumnist

Heiri ist studierter Philosoph und ihn fasziniert die «achte Kunst» der Videospiele genauso wie Gedankenexperimente von Immanuel Kant. Seine Kolumne untersucht das Kulturphänomen eSports kritisch und hintersinnig. In seiner Freizeit klaut Heinrich Autos und wirft mit Bananenschalen um sich, in «GTA V» und «Mario Kart 64». Oder er guckt Let’s-Plays von «Vanossgaming».

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