Mein „erstes Mal“ – ESL One Birmingham 2018

Ich bin nun bereits seit über einem Jahrzehnt passionierter Dota-Spieler. Auch die kompetitive Dota-Szene verfolge ich seit Anbeginn, anfangs noch eher sporadisch, mittlerweile lasse ich mir jedoch fast kein Turnier mehr entgehen. 

Meine bisherige Zuschauer-Erfahrung begrenzte sich jedoch ausschliesslich auf Twitch- und neuerdings auch Facebook-Streams. Als mich Reto vor einiger Zeit also fragte, ob ich ihn ans ESL One Birmingham Dota-Major begleiten will, antwortete ich natürlich „Ja“. Endlich besuche ich meinen ersten Live-Event!

Nach erfolgreicher Ankunft im Air-BnB, machten wir uns auf den Weg zur Birmingham Arena. Zu allererst brauchten wir unsere Presse-Pässe. Hierbei erlebte ich auch den ersten, und auch einzigen Schreckmoment unseres Dota-Wochenendes: Mein Name war nicht auf der Presse-Liste, bin ich etwa umsonst angereist? Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte das Missverständnis glücklicherweise geklärt werden. Der Presse-Bereich war sodann unsere ruhige Oase nebst dem ganzen Trubel der Arena, welche unter anderem auch einen üppigen ausgestatteten Kühlschrank und frischen Kaffee bot, das gute Reporterleben eben 😉

Nun aber endlich: Watching some great Dota!

Das erste On-Stage-Spiel, Game 1 zwischen Pain und Mineski, welches von einem pain.hFn Slark dominiert wurde, hatten wir leider bereits verpasst. Mein erster Eindruck, als wir die Arena betraten, bezog sich auf das überwältigende Sound-Erlebnis: Ich hatte das Gefühl, das Troll Warlord, wiederum gespielt von hFn auf mich anstelle der wehrlosen Mineski Supports einprügelte. Wie bereits angedeutet, dominierte das Team um die vier Brasilianer und den kürzlich erworbenen Rumänen w33 erneut und gewann somit souverän 2:0, was das Turnier-Out für Mineski bedeutete.

Als w33 während des Post-Game-Interviews gefragt wurde, wie er mit den vier Brasilianern kommuniziere, witzelte dieser: Vier Jungs schreien sich auf Portugiesisch Sachen zu, während ich einfach ein Pub für mich spiele. W33 wie er leibt und lebt 😉

Duell der Veteranen: OG vs Fnatic

Die zweite Serie des Tages war OG vs. Fnatic. Während für OG die DPC-Punkte infolge eines Roster-Changes während des Roster-Locks irrelevant waren, brauchte Fnatic eine Top-2-Platzierung um sich direkt für das The International 8 zu qualifizieren. Das erste Spiel wurde von OG.Notails Lone Druid dominiert, welcher völlig alleine die ganze untere Hälfte der Map für sich einnahm, was wiederum haufenweise Space für die übrigen OG-Cores generierte.

Auch Game 2 wurde anfänglich durch OG dominiert, vor allem OG.Ce6 (früher: 7mad) fand haufenweise Farm auf seiner Medusa. Nach einigen gescheiterten Highground-Pushes seitens OG hatten jedoch sämtliche Fnatic-Cores tonnenweise HP und Armor. Medusa, welche ihren Item-Build primär aufs Überleben und nicht auf Damage fokussierte, konnte schlicht keinen nennenswerten Schaden mehr austeilen.

Fnatic schaffte das Comeback und uns erwartete ein Game 3. Jenes war anfänglich ziemlich ausgeglichen, da sich Fnatic jedoch immer mehr und mehr Map-Control erspielen konnte, wurde OG.Jerax auf seinen Chen immer weniger einflussreich. Als Fnatic schliesslich High-Ground pushte, hatte Jerax überhaupt keine Creeps und das Spiel war faktisch ein 5v4 ab jenem Moment, weshalb Fnatic die Serie auch mit 2:1 gewann.

Wie mittlerweile zum Schrecken vieler OG-Fans bekannt ist, war dies die (zumindest vorläufig) letzte Serie für diese Iteration von OG und insbesondere für das ikonische Duo Fly und Notail, welche seit Beginn ihrer Dota-Karrieren zusammenspielen (Fly und s4 spielen nun bei EG, welche kurz zuvor Misery und Fear aus ihrem Roster entliessen).

Der sonnige Samstag – als wäre es darauf angekommen 😉

Im Gegensatz zum gestrigen, typisch englischen Dauerregen zeigte sich Birmingham am Samstag zumindest wettermässig von einer schöneren Seite. Die Freude über das schöne Wetter wurde aber von der fast 30-minütigen Verspätung des Buses getrübt, weswegen wir das erste Spiel des Tages zwischen Pain Gaming und dem Turnier-Favoriten Virtus Pro schon wieder verpassten! Obwohl Pain Gaming ihren momentanen Lieblings-Core Templar Assassin hatten, welche sowohl pain.w33 als auch pain.hFn meisterlich beherrschen, wurden sie von VP.Ramzes Carry Leshrac regelrecht überrannt.

Fakt: Sämtliche drei VP-Cores starben in diesem Spiel kein einziges Mal!

Da Reto auf einen Interview-Partner wartete, verfolgte ich Game 2 auf dem Fernseher im Presseraum zusammen mit den Jungs von Mineski! Besonders Mineski.Mushi zeigte sich als kommunikationsfreudig; was für ein surreales Erlebnis während des Games mit einem Pro-Spieler zu fachsimpeln! VP dominierte auch Game 2 zu sämtlichen Spielphasen, oder wie es Mushi ausdrückte: „VP is just too fucking good!“. Besonders w33 fand überhaupt nicht ins Spiel und beendete die Partie mit bloss 2 Kills und 11 Toden. Virtus Pro wurde seiner Favoriten-Rolle gerecht und gewann 2:0.

Die zweite Serie zwischen Fnatic und OpTic Gaming war sodann deutlich spannender. In Game 1 war Fnatic.Abeds Phantom Lancer durch das Leshrac / Gyrocopter Core-Duo komplett gecounteret. Da auch Fnatic.EternalEnvy auf seiner Carry Death Prophet nicht richtig ins Spiel fand, gewann OpTic Gaming nach bloss 28 Minuten. Im zweiten Spiel gelang Fnatic die komplette Kehrtwende: Sie gewannen mit einem Schlusstand von 1-25 Kills! Bloss ein Tod auf EternalEnvy vermasselte ihnen das „perfekte Spiel“. OpTic musste also etwas ändern und genau das taten sie auch! OpTic.Pajkatt, eigentlich der Carry, spielte einen Offlane Axe während Offlaner OpTic.33 den Fnatic-Spielern die Furcht vom grossen, bösen Wolf lehrte. EternalEnvys Spectre hatte zwar ein gutes Game, der Hero war aber einfach zu langsam um 33’s Lycan aufzuhalten. 33’s Performance war derart dominant, dass Lycan in sämtlichen weiteren Spielen gegen OpTic gebannt wurde. Die Serie endete 2:1 zugunsten von OpTic Gaming, der Hype innerhalb der Arena war gigantisch!

Während dieser Serie trafen wir zudem auf zwei weitere Schweizer Dota-Spieler. Den Abend verbrachten wir klassisch Englisch und zwar mit reichlich Bier in diversen Pubs. An der Broad St. trafen wir zudem noch auf OG.Ce6, wobei ich es mir nicht verkneifen konnte, seinen Medusa Item-Build zu kritisieren. Seb liess sich darauf auf eine freundliche und interessante Diskussion ein. Ich war erneut erstaunt, wie zugänglich Dota-Profis sind, ganz im Gegenteil zu ihren Pendants im traditionellen Sport. Als typischer Dota-Spieler bin ich übrigens immer noch der Meinung, dass ich Recht habe und nicht etwa der Profi, welcher sich innerhalb der Top 10 der europäischen Leaderboards befindet. 😉

Sonntag: Das grosse Finale und viel Pressearbeit!

Mit einem leicht pochenden Schädel startete ich in den finalen Sonntag. Die erstaunlich schmackhaften Wraps aus dem Presse-Kühlschrank und aufregendes Dota von Pain Gaming und Fnatic vertrieben den anfänglichen Kater jedoch schnell. Fnatic hatte in Game 1 zwar über lange Zeit einen Goldvorteil, sie schafften es aber nicht Pain.hFn’s Luna zu contesten. Als dieser seine Item Timings erreichte, dominierte er das restliche Spielgeschehen und beendete das Game mit beachtlichen 826 GPM und einer KDA von 9-0-10.

Spektakuläre Sand King bzw. Dragon Knight Performances von Fnatic.DJ und Abed in Game 2 vermochten die Serie wieder auszugleichen. Zum Publikumsliebling musterte sich jedoch Pain.Tavo, welcher sein brasilianisches Flair zum Show-Man durchscheinen liess.

Game 3 der Serie war mein spielerisches Highlight des Turniers. Anfänglich sah es nicht gut aus für Pain Gaming.w33, welcher einen Safelane Visage spielte, starb in der ersten Viertelstunde des Spiels gerade achtmal. Einzig hFn fand auf seinem Mid Troll Warlord haufenweise Farm. Bei Minute 21, gerade nachdem der Courier hFn seine Black King Bar überbrachte, brach der erste grosse Teamfight des Spiels aus, wobei sämtliche Fnatic Helden starben. Dies war sodann auch der Wendepunkt des Spiels. Als EternalEnvys Morphling (wieder einmal) mit Full-Agi und ungebrauchten BKB, Cheese sowie Refresher Shard starb konnte Pain Gaming darauf die restlichen Fnatic Cores töten. Da bloss EternalEnvy ein Buyback hatte, war das Spiel zu Ende und Pain Gaming konnte sich den dritten Platz am Birmingham Major sichern!

Im krassen Gegensatz zu EternalEnvy lieferte hFn eine der besten Carry-Performances des ganzen Turniers ab. Er fand stets das richtige Ziel und setzte seine BKB fast immer zum perfekten Zeitpunkt ein, was in Anbetracht des gegnerischen Lineups extrem anspruchsvoll war. W33, welcher anfänglich noch 0-8 Stats hatte, beendete das Game mit einem KDA von 14-11-11 und dem höchsten Hero-Schaden sämtlicher Spieler!

Das grosse Finale zwischen Virtus Pro und OpTic Gaming war leider (wie erwartet) wenig spektakulär. Einzig Game 2 war etwas umkämpft: Virtus Pro pickte ein für sie eher untypisches AoE-Teamfight-Lineup mit Elder Titan, Warlock, Kunkka und Venomancer. OpTic spielte sich dank starker Lanes einen frühen Vorteil heraus, konnte jedoch im Mid to Late-Game dem enormen AoE-Schaden von VP einfach nicht mehr standhalten.

Virtus Pro gewinnt somit das dritte ESL One Major in Serie und nehmen weitere 750 DPC-Punkte, 500’000$ und VP.No[o]ne, als Turnier-MVP, zusätzlich noch einen Mercedes mit nach Hause. Im Rückblick war das Event, trotz des doch sehr unglücklich gewählten Formates, ein grosser Erfolg: Pain Gaming lieferte uns eine schöne Underdog-Story, die Technik funktionierte reibungslos, die Partien (sowie die Presse-Aktivitäten) starteten pünktlich gemäss Schedule und die Zuschauer, angeheizt durch unterhaltungsreiches Dota und durch die fantastische Arbeit des Talents, generierten eine Wahnsinnsstimmung innerhalb der Arena. Ich kann euch den Besuch der ESL One Hamburg vom 26. bis am 28. Oktober 2018 deshalb nur wärmstens empfehlen, man sieht sich dort!

Fabian aka Cliché

PS: R.I.P. Blue Balloon 🙁

Spielerinterviews mit Mineski.Jabz, Fnatic.Abed und Pain.KingRD

Reto hat sich während des gesamten Event ausserdem die Zeit (und den Mut) genommen, einigen eSports Persönlichkeiten aus der Dota Szene ein paar Fragen zu stellen. Was KingRD, Jabz und Abed von Birmingham und der Schweiz halten, seht ihr im folgenden Interview-Zusammenschnitt. Ja, der Ton ist nicht überragend, bitte verzeiht 😉

Tipp: Untertitel einschalten!

mm

Fabian Spycher

Seine Team-Kollegen bei Babos Gaming würden Cliché bei seiner Arbeitstätigkeit als seriösen Jurist kaum wiedererkennen. So verliert er beim Zocken gerne Mal die Nerven und zeichnet sich, nebst mittelmässigem Gameplay, vor allem durch seine weitreichenden Meme-Kenntnisse aus. Wenn er nicht gerade am Arbeiten oder am Zocken ist, macht er auf seinem Motorrad die Strassen unsicher.

Mehr von Fabian Spycher
News melden
Follow Us
Stay in the game!

Abonniere jetzt unseren Newsletter

Follow Us
eSports.ch