Nina Zweifel: Schweizerin bringt Vitality ins richtige Mindset

Nina ‘Silverborn’ Zweifel ist mittlerweile eine bekannte Person im Schweizer eSport. Nun hat sie den Schritt über die Landesgrenze geschafft und absolviert ein Internship bei Vitality. Was sie dort erlebt, hat sie uns ausführlich erzählt.

eSports.ch: Für alle die dich noch nicht kennen: Wer bist du? Was machst du? 

Nina Zweifel: Mein Name ist Nina, ich studiere Psychologie und schreibe momentan meine Masterarbeit. Nebenbei bin ich die Gründerin von mYindset bei mYinsanity, wo ich seit 5 Jahren arbeite. Seit Anfang 2021 habe ich bei Adamas eSports als Performance Coach unterstützt und bin seit neuestem Boardmember der Swiss Esports Federation (SESF)

Ausserdem habe ich vor ein paar Wochen ein Praktikum als Performance Coach bei Team Vitality in Berlin gestartet.

Für manche reicht es alleine schon ein Studium zu absolvieren und du hast so viele Projekte und Arbeiten. Wie kriegst du das alles unter einen Hut? Was musstest du allenfalls auf harte Weise lernen?

Ich musste alles sehr stark reduzieren… bei mYinsanity habe ich ein Teil meiner Arbeit abgegeben, bei Adamas habe ich im Moment keine Projekte, die ich aktiv betreue. Ausserdem habe ich einen Ersatz für mich beim Studierendenverein gefunden und das eigene Coaching ist momentan pausiert. Das Fussballcoaching kann ich momentan auch nicht ausführen, da ich in Berlin bin.

 Trotzdem arbeite ich momentan 6 Tage die Woche à ungefähr 10 Stunden pro Tag *lacht*.

Ich bin ein Mensch, der die Tendenz hat Arbeit über alles andere zu priorisieren. Daher war das Wichtigste für mich zu lernen, nicht am späten Abend noch zu arbeiten, oder “noch schnell” auf das eine Mail zu antworten. Ich musste lernen mir zu sagen “Nein, das mach ich jetzt nicht mehr.

Erst kürzlich habe ich von deinem neusten Karriereschritt gehört – ein Internship bei der grossen eSports-Organisation Team Vitality! Wie ist es dazu gekommen? 

Mein Internship dauert 3 Monate, während denen ich in Berlin wohne. Team Vitality hat einen Sportpsychologen, Ismael Pedraza, der schon Erfahrung bei Rogue und Misfits hat. Seit diesem Spring Split ist er nun bei Team Vitality. 

Ich habe ihn in 2019 auf einer Online-Konferenz getroffen, wo wir beide als Experten eingeladen wurden. Rückblickend finde ich es sehr witzig, da ich damals überhaupt nicht viel Erfahrung hatte verglichen mit den anderen Experten. Ich bin danach mit Ismael in Kontakt geblieben und habe ihn immer mal wieder nach Opportunities angestupst und angefragt.

Hauptsächlich aufgrund von COVID hat dies die letzten paar Jahre nicht geklappt, aber diesen Frühling sollte es dann sein. Er hat mich angeschrieben mit der Möglichkeit ein Praktikum zu starten. Auf wundersame Weise hat sich dann auch mit der Uni alles perfekt für mich ergeben und ich konnte diese grossartige Chance annehmen.

Auch die Reaktionen auf das Vitality Twitter Announcement haben mich sehr gefreut. So viel Liebe und Mit-Freude wurde mir da entgegengebracht. Sowohl von Fans aus aller Welt, als auch von Freunden aus dem Schweizer eSport. Mein Handy wäre fast explodiert vor lauter Benachrichtigungen!

Team Vitality gehört zu den grössten eSports-Organisationen der Welt. Seit 2013 sind sie aktiv und stellen inzwischen Teams in den obersten Ligen in League of Legends, CS:GO, Valorant und vielen mehr. In League of Legends sind sie in der europäischen Liga LEC und der französischen Liga LFL stark mit dabei.

So geht es bei Vitality ab

Viele sind bestimmt gespannt wie es ist, für eine der grossen Teams zu arbeiten – was machst du dort genau?

Team Vitality hat in Berlin das LEC und LFL Team, welche sich ein Büro teilen. Es gibt auch Trainings und Reviewräume wo die Coaches und der Support Staff arbeiten.

Eine Seite meiner Tasks ist es, Performance Manager Ismael zu “shadowen” und ihn bei seinen Aufgaben zu unterstützen. Mehrheitlich hat sich auch gezeigt, dass es für Performance Coaches extrem wertvoll ist, Zweitmeinungen einholen zu können und die Gedanken hin und her bouncen zu lassen. Meine Meinung wird dadurch sehr geschätzt.

Als Zweites habe ich mein eigenes Baby: Das LFL Team. Die Grundidee ist es, dass ich von Ismael die Strukturen und Routinen der LEC Teams mitnehme und diese beim LFL Team einbringe. Dabei habe ich aber viele Freiheiten. Ich kann zwischen den Themen, die ich Gewichten will entscheiden wie zum Beispiel Teambuilding und Kultur. In der ersten Woche haben wir Teamvalues besprochen, um auszuarbeiten was für Normen und Werte eine gute Basis für die Zusammenarbeit im Team ermöglichen. Ich bin sehr frei in der Gestaltung und passe dies auch auf die Spieler an. Interaktivität ist mir sehr wichitg, damit die Spieler auch zu Wort kommen. Das sind alles junge Leute, die ihren Traum leben. Die hassen nichts mehr als sich zurück in der Schule zu fühlen. 

Auch speziell bei Themen wie Ernährung oder Sport habe ich einen “Good enough”-Approach. 

Ich gehe mit gutem Vorbild voran, informiere und helfe im Office gesunde Snacks und Essen bereitzustellen. Teil davon ist auch zu wissen was die Spieler gerne mögen, oder eben auch nicht, und das dann so zu ergänzen, dass sie alle wichtigen Nährstoffe erhalten.

Wie sieht denn so dein Wochenplan aus bei Team Vitality?

Die Woche für das LFL Team beginnt immer am Samstag. Von dann bis Dienstag sind jeweils Scrimdays. Wir treffen uns dann zum gemeinsamen Lunch und von 13.00 – 14.00 habe ich Zeit zu entscheiden, was für eine Session ich gerne halten möchte. Die nächste wird über Emotionsregulation sein. Mittwoch und Donnerstag sind immer Gamedays für die LFL und am Freitag ist der Offday.

Vom Zuschauen und mitfiebern bei der LEC zum Arbeitsalltag – wie ist das für dich?

Schlussendlich sind es auch einfach Menschen mit ihren Macken.

Es fühlt sich manchmal auch etwas an wie eine Studenten-WG. Alle sind immer sehr nett und erfreut, wenn jemand ihnen etwas zu Essen macht und wir nennen uns alle beim Vornamen. Es spielt keine Rolle, ob du Superstar Perkz oder Rookie Diplex bist, untereinander sind sie einfach Luka oder Dimitri. Man geht auch gemeinsam ins Gym und Essen, oder Fussballspielen. 

Mit dem Start der Ligen wird sich die Stimmung aber sicher etwas ändern, da die Anspannung steigt und somit der Druck. Dann wird sich das High Performance – High Pressure Umfeld entfalten und alles was es mit sich bringt. Sicherlich ist es auch ein anderes Gefühl dann mit dem Team ins Studio zu fahren und die Energie zu spüren.”

Anm. der Redaktion: Team Vitality hatte einen holprigen Start in der LEC, während Vitality Bee sich in den ersten Wochen unter den Top 3 platzieren konnte.

War es immer ein Ziel von dir für eines der grossen Teams zu Arbeiten? Was ist der Unterschied zur Schweiz? 

Jein. Es war mir immer klar, dass ich nach dem Studium Geld verdienen und davon leben können will. Gezwungenermaßen muss man sich dann außerhalb der Schweiz umsehen. 

Ich wollte unbedingt die Erfahrung vor Ort mit Teams auf den höchsten Niveau machen. Dies macht einen riesigen Unterschied, da man mit den Spielern Tagein Tagaus zusammen ist und sie in ihren guten und schlechten Zeiten miterlebt. In der Schweiz war es meistens einfach an LANs oder dann 30 bis 60 Minuten Calls. Das ist schon nochmals grundlegend etwas anderes. 

Ich denke aber, dass mein Herz für aufkommende Teams schlägt. Die LEC-Teams haben es schon an die Spitze geschafft und es ist interessanter für mich die noch wachsenden Teams zu begleiten.

Tipps für eure Zukunft

Was für Tipps würdest du jemandem geben, der auch so etwas erreichen möchte? Was für Qualitäten muss man als Person haben?

Es gibt keine one-size-fits-all Lösung. Aber ich glaube, dass Networking extrem wichtig ist. Meine jetzige Stelle war nicht ausgeschrieben. Sehr oft muss man Leute kennen. Ismael musste an mich denken, damit es für mich funktioniert hat. 

Manchmal muss man den Firmen klarmachen, dass sie dich brauchen, bevor sie sich dessen bewusst sind. Bei mYinsanity war das ähnlich: mYindset wäre nicht zustande gekommen, hätte ich es nicht an die Leute gebracht und die Wichtigkeit aufgezeigt. Es ist extrem wichtig seine Values zeigen zu können, bevor Stellen meist überhaupt ausgeschrieben sind. Als Coaches, oder Supporting Staff hat man oft das Gefühl sich “Behind the Scenes” halten zu müssen und nur dort aktiv sein. Für mich hat es auch eine Weile gedauert, bis ich realisiert habe wie wichtig es ist zu zeigen was ich mitbringe, wie wichtig meine Arbeit ist und meinen eigenen Brand aufzubauen. 

Eine eigene, gute Homepage und ein Twitter, um sich sichtbar zu machen, ist sehr gut. Damit ist es dann auch viel einfacher zu Networken und sich für Formen sichtbar zu machen. 

Ein anderer Wichtiger Punkt sind zum Beispiel Spielershoutouts, oder Mund zu Mund Propaganda. Meine Kunden in dieser Arbeit sind die Spieler und wie bei jeder Arbeit ist das beste Marketing das eines zufriedenen Kunden. Spieler wechseln auch Teams und wenn ich meine Arbeit gut gemacht habe, bekomme ich allenfalls ein Shoutout, oder mein Name wird sich gemerkt und in anderen Umfeldern dann wieder an die Leute gebracht. Dies kann mir wiederum neue Türen öffnen.

Für eSports Performance Coaches gibt es ausserdem ein Discord, die meisten Practitioners sind dort zu finden. Discord ist dafür ein wichtiges Tool, da man dort auch wichtige Leute kennenlernt. Man muss sich trauen, sich auch mal zu Wort zu melden und aus seiner Comfortzone raus zu gehen. Es ist auch nicht etwas für jede Person den riesigen Schritt zu wagen und einfach nach Berlin zu ziehen.

Die wichtigsten Qualitäten würde Nina in zwei Hauptteile unterteilen: 

Einen guten Charakter haben.

Vor Allem im Bereich Coaching ist Esports primär Arbeit mit Menschen und da ist das Zwischenmenschliche sehr wichtig. Man muss Empathie und ein Gespür für Kommunikation mitbringen. Es ist nicht einfach zu verstehen, was High Performance für diese jungen Athleten bedeutet und wie schwierig es sein kann mit dem Druck und den Erwartungen umzugehen. Da ist ein decent human being sein schon das Mindeste. Und auch im Zusammenhang mit dem eigenen Branding kann das wichtig sein. Esports scheint ein riesen Netzwerk zu sein, aber dennoch kennen sich die Leute innerhalb oft gut und negatives Auftreten spricht sich rum. 

Mut, aus der Comfortzone herauszugehen. 

Es braucht viel Mut, um sich in neue Umfelder zu begeben. Der Schritt von der Schweiz zu Adamas war gross für Nina, dann von der Schweiz zu nach Berlin ziehen war auch absolut nicht einfach. Der Mut und der Wille muss vorhanden sein sich nicht von dem aus der Ruhe bringen zu lassen und mit dem hohen Druck, der auch in den höheren Ligen sind, nicht zu Kopf steigen zu lassen.

Das will Nina der Community unbedingt noch mitteilen:

“Ich glaube viele Leser:innen von esports.ch verfolgen meine Reise und sind Teil meiner Reise im eSport und ich kann meine Dankbarkeit und Freude wirklich kaum in Worte fassen. Es fühlt sich grossartig an, dass so viele Menschen an meiner Story interessiert sind und sich dadurch inspirieren lassen. Ich möchte mich herzlichst bei allen bedanken – die Reaktionen waren extrem rührend und es fühlt sich wirklich absolut grossartig an. Mein Herz ist extrem voll, danke!”

mm

Julia "Noonchi" Ruprecht

Freie Redakteurin

Bereits mit jungen Jahren fand Julia ihre Begeisterung in magischen RPGs auf ihrem Gameboy und Gamecube. Mittlerweile ist sie in die Tiefen des PC-Gamings gefallen und hat sich in der Salzmine des Spiels League of Legends wiedergefunden. Ein starker competitor wurde nun aber das battle royal Warzone. Wenn sie also nicht damit beschäftig ist, an sämtlichen Hindernissen festzustecken, findet man sie für sich ein RPG geniessen, oder mitfiebern an jeglichen Schweizer eSport Events. Als Ausgleich zum Spielen investiert sie viel Zeit in den Content von E-Sport Organisationen, ihr Business Psychology Studium und ihr Sales und Marketing Internship.

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