Problembereich: Esport für den Casual Viewer

Die Popularität von Esports ist in den letzten Jahren förmlich explodiert: Von einer Randerscheinung, welche nur wirklich eingefleischte Gamer interessierte zum Massenphänomen, welches hunderttausende Zuschauer an den Bildschirm fesselt. Laut einer Studie der Unternehmung „Activate“  konnten Esports 2018 in den USA insgesamt 63 Millionen Zuschauer begeistern, ca. gleichviele wie die seit Jahrzehnten (genauer: seit 1946) etablierte NBA!

Doch im Gegensatz zum „normalen“ Sport, wo auch absolute Sportmuffel ein Fussballspiel oder ein Ski-Rennen im Fernsehen mitverfolgen, werden Esports-Übertragungen grösstenteils bloss von Gamern konsumiert, häufig sogar nur von solchen, die den jeweiligen Titel auch selbst spielen oder zumindest in der Vergangenheit gespielt haben. Sprich: Esports hat ein Problem damit, sogenannte „Casual Viewers“ anzusprechen. Doch wieso ist das der Fall?

Esports ist zu kompliziert und unübersichtlich

Jedermann verfügt über ein gewisses Grundverständnis, wie traditionelle Sportarten wie Fussball, Eishockey und Ski fahren funktionieren: Das Runde muss ins Eckige oder der Schnellste gewinnt. Ein solches Grundverständnis fehlt beim Esport. Wer sich also nicht auch sonst mit Gaming auseinandersetzt, hat Mühe damit zu verstehen, was überhaupt auf dem Bildschirm abläuft.

Esports, welche relativ realistisch und ähnlich wie unsere tatsächlichen Welt funktionieren, etwa Sportsimulationen und Shooter, sind für den Casual Viewer eher verständlich und geeigneter. Auch jemand, welcher sich noch nie mit Counterstrike beschäftigt hat, versteht das Prinzip „Gut gegen Böse“ und hat einen Referenzwert aus dem realen Leben wie Terror- und Anti-Terroreinheiten miteinander interagieren. Auch kann sich Jedermann vorstellen, wie ein Terrorist bzw. ein Mitglied einer Anti-Terroreinheit ungefähr aussieht und diese Vorstellung mit den Ingame-Charakteren vergleichen. Auch das Scoring-System von CS:GO ist demjenigen vom traditionellen Sport ähnlich: Das Team, welches mehr Runden gewonnen hat, führt und wer zuerst 16 Runden für sich beanspruchen kann, gewinnt die Map.

Esports mit komplexen, von der realen Welt abstrahierten Spielprinzipien, wie z.B. bei MOBAs, sind für den Unbeteiligten meist absolut unverständlich. Dota 2 beispielsweise hat 115 Helden mit über 500 verschiedenen Fähigkeiten, dazu kommen Ancients, Towers, Lanes, Jungle, Gold, XP,… alles Begriffe und Konzepte, von welchen ein Nichtspieler noch nie etwas gehört hat. Selbst MOBA-Erfahrene, welche jedoch nicht explizit Dota 2 spielen, blicken da nicht mehr durch.

Weiter haben gerade MOBAs kein traditionelles Scoring-System; das Game ist zu Ende, wenn das/der Ancient/Nexus fällt. Das kann innert 20 Minuten passieren, oder sich über mehrere Stunden hinauszögern. Die Kills-Anzeige, welche an ein Punktesystem erinnert, ist dabei beinahe bedeutungslos, wichtiger ist der Gold und XP-Unterschied, aber selbst jener kann trügerisch sein, sogenannte Throws und Comebacks geschehen häufig.

Während „simple“ Spectator-Esports – wie z.B. CS:GO – zwar grundlegend von jedermann verstanden werden können, entgehen dem Casual-Viewer dennoch viele taktische Nuancen, welche das Game für einen Esports-Enthusiasten gerade eben interessant machen. Der Casual Viewer versteht zwar, dass das Ziel der Terroristen ist, die Bombe in eine der zwei Bomb-Zones zu platzieren. Dass hierfür beispielsweise auf Inferno für einen B-Execute aber zuerst etwa Banana-Control etabliert werden muss und danach mittels koordinierten Flash-, Smoke- und Molotov-Throws ein Angriff ausgeführt wird, dürfte sich Ihnen entgehen. Dieses Problem akzentuiert sich bei komplexeren Spielprinzipen wie z.B. bei MOBAs, zusätzlich.

Beim letzten Dota 2 International wurde – unter anderem – ein spezieller Stream für Newbies angeboten, welcher den Fokus auf die Erklärung der Spielmechaniken anstatt einem traditionellen Cast legte. Ein solches Angebot ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, trotzdem werden besonders MOBAs wohl auch zukünftig nur selten von Quer-Einsteigern geschaut werden. Ganz allgemein muss man sich beim Esport intensiver mit den Funktionsweisen und Regelwerk des jeweiligen Spieles auseinandersetzen um diesen auch als Zuschauer zu geniessen.

Mangelndes Ansehen: „Videospiele sind kein Sport und nur etwas für Kinder“

Esports benötigen im Vergleich zum traditionellen Sport ein völlig anderes Fähigkeitenprofil: Anstelle von Kraft, Ausdauer und Technik treten etwa Hand-Augen-Koordination, Decision-Making und Map-Awareness. Während aber jedermann weiss, das Fussball spielen technisch anspruchsvoll und anstrengend ist, fehlt Nicht-Gamern dieser Referenzwert beim Esport. Da die benötigen Skills keine physische Fitness benötigen, verbindet der Nicht-Gamer Esport gerne mit Vorurteilen: Kinder, welche den ganzen Tag vor dem PC verbringen und sich ungesund ernähren. Während ein Kind/ein Jugendlicher, welches den ganzen Tag auf dem Fussballplatz verbringt, gelobt wird, wird der werdende Esport-Athlet getadelt.

Als der 16-jährige Teenager Kyle „Bugha“ Giersdorf diesen Sommer beispielsweise den Fortnite Worldcup und stolze 3 Mio. US-Dollar gewann, fanden sich zahlreiche Tweets, welche dem Teenager nicht für seinen wahnsinnigen Erfolg gratulierten, sondern versuchten, den Esport ins Lächerliche zu ziehen.

Auch Promis wie etwa Talk-Show Grösse Jimmy Kimmel machen sich gerne einen Spass aus Esport, so spottete jener etwa zum Launch von YouTube Gaming: „YouTube Gaming ist eine Plattform wo Gamer anderen Gamern beim Gamen zuschauen können anstatt selber zu spielen. Das sei doch lächerlich.“ Ironischerweise gibt er im nächsten Atemzug zu, dass er jeden Sonntagabend den Football-Spiele im Fernsehen zuschaut.

Wer also selbst keine Videospiele spielt und auch sonst keinen Bezug zum Esport hat, ist durch die negative Berichterstattung in Medien und Umfeld geprägt und bekommt somit zwangsweise den Eindruck, Esports sei bloss etwas für Nerds und Kinder.

Glücklicherweise dürfte dieses mangelnde Ansehen bald der Vergangenheit angehören: Beständige Liga- und Turnier-Strukturen, formell gekleidetes und souverän auftretendes Personal, mit lautstarken Fans gefüllte Event-Arenas sowie gigantische Preisgeldsummen mögen das Image von Esport stetig verbessern.

Fehlende Identifikation und erschwerte Zugänglichkeit

Im traditionellen Sport identifizieren sich Fans häufig stark mit ihrem jeweiligen Lieblingsverein. Die Wahl des Lieblingsvereins ist einfach, viele unterstützen das Heimteam ihres Wohnortes. Eine solche Identifikation fehlt im Esport. Mit einigen Ausnahmen (z.B. Overwatch League), sind die allermeisten Esport-Organisationen von internationaler Natur, es bestehen keine nationalen Liga-Strukturen bestehen und folglich auch kein „Heimteam“.

Andererseits wird häufig das Team unterstützt, welches die eigenen Lieblingsspieler beschäftigt. Auch dies ist im Esport eher schwierig, da häufig bereits nach einem misslungenen Qualifier ein Grossteil des Rosters ausgewechselt wird. Selbst langbestehende und durchaus erfolgreiche Dota 2-Squads wie beispielsweise EG und Virtus.Pro waren hiervor nicht sicher und unterlagen nach jeweils enttäuschenden TI9-Performances beträchtlichen Umstrukturierungen.

Weiter werden zumindest heutzutage noch kaum Esport-Übertragungen im öffentlichen Fernsehen übertragen, Esport-Partien müssen deshalb konkret gesucht werden. Wann eine Solche stattfindet, findet sich auch in keiner Tageszeitung, sondern muss im Internet ausfindig gemacht werden. Dies erschwert den Zugang für den Casual Viewer immens.

Esport wird also grösstenteils zuhause, entweder am PC oder am Fernsehen, mittels der Streaming-Plattform Twitch konsumiert. Falls man einen Live-Event besuchen will, muss man insbesondere als Schweizer meist einen mehrtätige Reise ins Ausland unternehmen. Dies ist zwar ein tolles Erlebnis (siehe hier: https://www.esports.ch/mein-erstes-mal-esl-one-birmingham-2018/), im Gegensatz zum Fussballabend mit den Kumpels aber mit beträchtlichem Zeitaufwand und Kosten verbunden.

Esport bietet jedoch grossartige Storylines, man denke etwa an die Cinderella Story von OG beim International 2018 oder Cloud9’s Heimsieg beim Eleague Boston Major, immer mehr sympathische Community-Figures und man benötigt nicht mehrere teure Abos, beinahe sämtlicher Esport ist vollkommen gratis auf Twitch und YouTube verfügbar, was den Esport vor allem der aufkommenden, dem Esport positiv gestimmten Generation leicht zugänglich macht.

Fazit

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Esport noch weit entfernt ist von den Zuschauermengen des Breitensportes und diese möglicherweise nie erreichen wird. Man darf dabei aber die wahnsinnige Entwicklung von der Randerscheinung zum Massenphänomen nicht übersehen, die Esport in den letzten Jahren durchgemacht hat.

Der Bund hat anfangs dieses Jahres den Esport als „offiziellen Sport“ abgelehnt, was insbesondere hinsichtlich der Sportförderung relevant ist. Das zuständige Bundesamt für Sport (BASPO) schliesst jedoch eine Neubeurteilung in Zukunft nicht aus. Es ist somit absehbar, dass Esport mittelfristig als Sport anerkennt und gefördert wird. Dies würde sich natürlich auch immens positiv auf das allgemeine Ansehen sowie das Verständnis für Esport auswirken. Man darf also träumen, dass wir zukünftig die CS:GO-Partie Bern vs. Zürich auf SRF2 schauen können (welche Bern natürlich locker gewinnen würde…).

mm

Fabian Spycher

Seine Team-Kollegen bei Babos Gaming würden Cliché bei seiner Arbeitstätigkeit als seriösen Jurist kaum wiedererkennen. So verliert er beim Zocken gerne Mal die Nerven und zeichnet sich, nebst mittelmässigem Gameplay, vor allem durch seine weitreichenden Meme-Kenntnisse aus. Wenn er nicht gerade am Arbeiten oder am Zocken ist, macht er auf seinem Motorrad die Strassen unsicher.

Mehr von Fabian Spycher
News melden
Follow Us
Stay in the game!

Abonniere jetzt unseren Newsletter

Follow Us
eSports.ch